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Ich bin der Doktor Eisenbart


Das um 1800 entstandene Scherzlied "Ich bin der Doktor Eisenbart" besingt die ungew├Âhnlichen, meist t├Âdlichen Behandlungsmethoden eines Kurpfuschers. Es fand im 19. und 20. Jahrhundert weite Verbreitung und wurde vielfach parodiert. Dar├╝ber hinaus ist eine Reihe fremdsprachiger Liedbelege ├╝berliefert.

I. Die Urheberschaft des Liedes "Ich bin der Doktor Eisenbart" sowie die Umst├Ąnde seiner Entstehung sind ungekl├Ąrt (zu diesbez├╝glichen Vermutungen vgl. III). Festgehalten werden kann immerhin, dass es nicht fr├╝her als um 1800 geschaffen wurde: Die im Lied erw├Ąhnte Kuhpockenimpfung (Edition A, Str. 4) wurde 1796 durch den englischen Arzt Edward Jenner eingef├╝hrt (die verschiedentlich zu lesende Annahme, es handele sich hier um eine nachtr├Ąglich eingeschobene Strophe, ist unbegr├╝ndet). "Ich bin der Doktor Eisenbart" erlangte unmittelbar gro├če Popularit├Ąt. Ablesen l├Ąsst sich das etwa daran, dass w├Ąhrend der Befreiungskriege auf seine Melodie der antinapoleonische Spottgesang "Ich bin der Schl├Ąchter Bonapart" verfasst wurde (Edition E). Vor diesem Hintergrund ist bemerkenswert, dass die bislang fr├╝heste datierbare Ver├Âffentlichung des Liedtextes erst aus dem Jahr 1814 stammt. In Gesellschaftsliederb├╝chern ist "Ich bin der Doktor Eisenbart" dann jedoch schlagartig breit pr├Ąsent: S├╝ddeutsche Thalia (Reutlingen 1814), Norddeutsche Thalia (Osnabr├╝ck [1814]), Rheinische Thalia (K├Âln [1815]), Auswahl der sch├Ânsten Lieder und Ges├Ąnge f├╝r fr├Âhliche Gesellschaften (N├╝rnberg 1815), Auserlesene Gesellschafts-Lieder (Heidelberg 1815). Neben der dort durchg├Ąngigen Fassung mit neun Strophen ist "Ich bin der Doktor Eisenbart" in einem 1818 in G├Âttingen erschienenen studentischen Kommersbuch auch mit zw├Âlf Strophen belegt (Edition A). M├Âglicherweise handelt es sich dabei um die urspr├╝ngliche Textgestalt des Liedes (vgl. III). Mit Melodie wurde das Lied erstmals 1840 publiziert (Edition B). Aus der ersten H├Ąlfte des 19. Jahrhunderts ist zudem eine Reihe von Liedflugschriften ├╝berliefert, die "Ich bin der Doktor Eisenbart" enthalten.

II. Im Lied "Ich bin der Doktor Eisenbart" r├╝hmt sich ein weit herumgekommener Kurpfuscher seiner unkonventionellen, todsicher wirkenden Therapien. Das belustigende, in jeder Strophe neu variierte Moment des Liedes liegt in der Spannung zwischen dem selbstbewussten Anpreisen der eigenen Behandlungsmethoden und dem Schicksal der Patienten. Der im Lied als ├Ąrztlicher Scharlatan pr├Ąsentierte "Doktor Eisenbart" ist historisch verb├╝rgt. Mit diesem aber hat der Liedprotagonist, abgesehen von der Namensgleichheit und einem gewissen marktschreierischen Zug, nichts gemein: Johann Andreas Eisenbarth (1663–1727) war ein zu seiner Zeit weithin bekannter reisender Chirurg, Wund- und Augenarzt, der auch Arzneimittel herstellte und vertrieb (vgl. Eike Pies 1977). Aufgrund seiner unbestrittenen F├Ąhigkeiten wurde ihm eine Reihe landesherrlicher Privilegien gew├Ąhrt. ├ťberliefert sind einige Werbeflugbl├Ątter Eisenbarths, deren manchmal gro├čspuriger Ton wohl schon Zeitgenossen erheiterte. In einem Gedicht Gottfried Benjamin Hanckes (1695–1750) hei├čt es: "Kaum hat ein Eisenbart, der alle Kranken heilt, / Durch offnen Drommel-Schlag die Zettul ausgetheilt, / So kommen alsbald die Kranken angezogen, / Und doch ist seine Kunst erstunken und erlogen" (zit. nach Arthur Kopp 1900). Dass "wahrscheinlich … Neid der Collegen" (B├Âhme 1895) der Impuls dazu war, das Lied "Ich bin der Doktor Eisenbart" zu verfassen, ist ebenso spekulativ wie die Behauptung falsch, es sei zumindest 1745 schon bekannt gewesen, "weil das im selbigen Jahre gedruckte Krambambuli-Lied in Str. 53 … dasselbe erw├Ąhnt" (ebd.). Tats├Ąchlich ist darin von dem "Kranckheitsst├╝rmer" Eisenbart die Rede, nicht jedoch von einem Lied, das auf ihn gem├╝nzt w├Ąre. So kann die betreffende Strophe des "Krambambuli"-Liedes (ebd., Nr. 682) nur als Zeugnis daf├╝r gewertet werden, dass der historische Eisenbarth ├╝ber seinen Tod hinaus bekannt blieb.

III. Das Scherzlied "Ich bin der Doktor Eisenbart" ist um 1800 m├Âglicherweise unter G├Âttinger Studenten entstanden (Georg Witkowski 1922). Ein beliebtes Ziel von deren "Lustparthien" (vgl. Ratgeber "Der G├Âttinger Student", 1813) war seinerzeit Hannoversch M├╝nden, wo der historische Eisenbarth 1727 auf der Durchreise gestorben und ihm ein Grabmal errichtet worden war. Unter Studenten verbreitete sich "Ich bin der Doktor Eisenbart" rasch, wobei das Lied seine Wirkung auch ganz ohne Wissen um dessen reale Bez├╝ge entfaltete: Der Autor eines Reisef├╝hrers, der Anfang des 19. Jahrhunderts in Marburg studiert hatte, bemerkte anl├Ąsslich einer Beschreibung Hannoversch M├╝ndens, er habe das "allbekannte" Lied "Ich bin der Doktor Eisenbart" im Kreis seiner Kommilitonen "oft" gesungen, ohne freilich zu ahnen, "da├č jener parotirte Mann eine historische Person, und ein sehr achtungswerther Mann" gewesen sei (Ludwig Boclo 1844). Als Studentenlied blieb "Ich bin der Doktor Eisenbart" das ganze 19. Jahrhundert hindurch beliebt. Im "Allgemeinen Deutschen Commersbuch" findet es sich in einer auf 16 Strophen erweiterten Fassung (z. B. 9. Aufl. [um 1860], Anhang Nr. 96), die offenbar recht verbreitet war, wie u. a. ein gegen Ende des 19. Jahrhunderts angelegtes handschriftliches Liederbuch aus Lothringen zeigt (Edition C). Im 20. Jahrhundert wandelte sich das Studenten- und Gesellschaftslied zum Jugend- und Kinderlied (Edition D).

IV. Ein Indikator f├╝r die Popularit├Ąt von "Ich bin der Doktor Eisenbart" sind die zahlreichen Parodien und neu zu dessen Melodie entstandenen Liedtexte. Auch aktuelles Zeitgeschehen wurde dabei thematisiert. So ist neben dem erw├Ąhnten antinapoleonischen Spottgesang "Ich bin der Schl├Ąchter Bonapart" aus dem Jahr 1813 (Edition E) aus der Zeit des Ersten Weltkriegs die Heldenverkl├Ąrung "Ich bin der Doktor Hindenburg" ├╝berliefert (Edition F). Aus j├╝ngerer Zeit stammt ein "Eisenbart"-Lied, das die "Doktoren" im Lager der Kernkraft-Verfechter attackierte (Edition H). Eine unverbl├╝mte Parodie aus Kindermund hat der Sexualforscher Ernest Bornemann mitgeteilt (Edition G). Au├čerdem diente die "Eisenbart"-Melodie auch als Grundlage f├╝r Liedneusch├Âpfungen: Die bekanntesten sind das sog. "Kutschkelied" ("Was kraucht dort in dem Busch herum"), das 1870 im Krieg gegen Frankreich entstand und unmittelbar volkst├╝mlich wurde, sowie "Ein Mann, der sich Kolumbus nannt".

V. "Ich bin der Doktor Eisenbart" z├Ąhlt zu jenen Liedern, die ├╝ber den deutschsprachigen Raum hinaus weite Verbreitung gefunden haben. Als "Ik ben de Doctor Yzerbaard" ist es schon um 1820 auf einem niederl├Ąndischen Liedflugblatt belegt (Edition I). Neben mehreren englischen Fassungen – darunter "Oh! Dr. Eisenbarth's my name", 1913 erschienen in einem britischen Studentenliederbuch (Edition K) – gab es auch mehrere franz├Âsische (P. Mitzschke 1905/06). Auch der polnische Volksliedsammler Oskar Kolberg zeichnete vor 1880 aus m├╝ndlicher ├ťberlieferung ein Lied auf, das sich deutlich an "Ich bin der Doktor Eisenbart" anlehnt (Edition J).

VI. Das Lied "Ich bin der Doktor Eisenbart" und dessen gro├če Bekanntheit bildeten einen wesentlichen Ansto├č zu k├╝nstlerischen Bearbeitungen des Stoffes, vor allem in Form von B├╝hnenwerken (Otto Falckenberg 1907, Otto Weddigen 1909, Hugo Schmidtverbeek 1920, Hermann Zilcher 1921, Ernst Heinrich Bethge 1924, Albin Picha 1925). Der erfolgreiche, in einem pseudobarocken Tonfall geschriebene Roman Josef Wincklers "Des verwegenen Chirurgus weltber├╝hmbt Johann Andreas Doktor Eisenbart […] Tugenden und Laster" (1929) diente dem tschechischen Komponisten Pavel Haas (1899–1944) als Vorlage f├╝r das Libretto seiner einzigen Oper "┼áarlat├ín" (UA Br├╝nn 1938; deutsche EA unter dem Titel "Der Scharlatan" Gera 2009). Haas bezog in seine Oper auch das Kapitel des Eisenbart-Romans ein, in dem ausgesponnen wird, das Lied vom "Doktor Eisenbart" sei unter dessen eigener ma├čgeblicher Mitwirkung entstanden und zum ersten Mal gesungen worden. Von den dort 17 Liedstrophen (die z. T. vom Romanautor Winckler selbst stammen) hat Haas nur einen Teil frei ├╝bertragen und vertont. Nico Dostal integrierte in seine Operette "Doktor Eisenbart" (UA N├╝rnberg 1952) hingegen das Eisenbart-Lied auch musikalisch. Einige Orte haben Doktor Eisenbart im 20. Jahrhundert zu einer zentralen Gestalt lokaler Gedenkkultur erhoben (und nat├╝rlich auch in die Tourismuswerbung einbezogen). Neben Oberviechtach (Geburtsort) und Magdeburg (Wohnort) schm├╝ckt sich insbesondere Hannoversch M├╝nden mit ihm (Abb. 1): So zeigt ein Glockenspiel mit Figurenumlauf im Rathausgiebel der Stadt Doktor Eisenbart beim Extrahieren eines Zahns, wozu die Melodie des auf ihn gem├╝nzten Scherzliedes erklingt.

TOBIAS WIDMAIER
Quellenrecherche: JOHANNA ZIEMANN
(Februar 2009)



Literatur
  • P. Mitzschke: Das Eisenbartlied in Frankreich. In: Zeitschrift f├╝r B├╝cherfreunde 9 (1905/06), S. 424.
  • Arthur Kopp: Eisenbart im Leben und im Liede. Berlin 1900 (Beitr├Ąge zur Kulturgeschichte 3); dort S. 5 die zitierte Gedichtstrophe von G. B. Hancke.

Editionen und Referenzwerke
Weiterf├╝hrende Literatur
  • Lubom├şr Peduzzi: Pavel Haas. Leben und Werk des Komponisten. Hamburg 1996 (Verdr├Ąngte Musik 9); zur Oper "┼áarlat├ín" S. 89 u. 97–107.
  • Lubom├şr Peduzzi: Doktor Eisenbart, incognito in einer tschechischen Oper [betr. Pavel Haas’ Oper "┼áarlat├ín"]. In: Musik in Theresienstadt. Die Referate des Kolloquiums in Dresden am 4. Mai 1991. Hrsg. von Heidi Tamar Hoffmann und Hans-G├╝nter Klein. Berlin 1991 (Verdr├Ąngte Musik 1), S. 15–20.
  • Eike Pies: Ich bin der Doktor Eisenbarth. Arzt der Landstra├če. Eine Bildbiographie ├╝ber das Leben und Wirken des volkst├╝mlichen und ber├╝hmten Chirurgen Johann Andreas Eisenbarth (1663–1727). Genf 1977 (zum "Eisenbart"-Lied S. 274–278).
  • Josef Winckler: Des verwegenen Chirurgus weltber├╝hmbt Johann Andreas Doktor Eisenbart […] Tugenden und Laster […] [Roman]. Stuttgart 1929 (darin vor allem Kap. XXVIII: "Die Entstehung des weltber├╝hmten, tausendf├Ąltig noch heut’ in lustiger Corona gesungenen Eisenbart Liedes").
  • Albin Picha: Der Doktor Eisenbart. Ein R├╝pelspiel nach alter Art. M├╝nchen 1925.
  • Ernst Heinrich Bethge: Doktor Eisenbart. Ein Schatten-Liederspiel. Leipzig 1924.
  • Georg Witkowski: Der Doktor Eisenbart. In: Ders.: Miniaturen. Leipzig 1922, S. 43–48.
  • Hermann Zilcher: Doktor Eisenbart. Oper [nach der Kom├Âdie von O. Falckenberg], op. 45 (Klavierauszug). Leipzig 1921.
  • Hugo Schmidtverbeek: Doktor Eisenbart oder Kaspar als Arzt. Ein Puppenspiel. Leipzig 1920.
  • Otto Weddigen: Doktor Eisenbart. Schalkskom├Âdie in drei Akten mit Prolog und Epilog. Kempten, M├╝nchen 1909.
  • Otto Falckenberg: Doktor Eisenbart. Kom├Âdie. M├╝nchen, Leipzig 1907.
  • Ludwig Boclo: Der Begleiter auf dem Weser-Dampfschiffe von M├╝nden nach Bremen. G├Âttingen 1844 (Zitat S. 10).
  • Der G├Âttinger Student. Oder Bemerkungen, Rathschl├Ąge und Belehrungen ├╝ber G├Âttingen und das Studenten-Leben auf der Georgia Augusta. G├Âttingen 1813.


Quellen├╝bersicht
  • Ungedruckte Quellen: etliche Aufzeichnungen aus m├╝ndlicher ├ťberlieferung
  • Gedruckte Quellen: h├Ąufig auf Flugschriften, ├╝beraus h├Ąufig in Gebrauchsliederb├╝chern, etliche sonstige Rezeptionsbelege
  • Bild-Quellen: gelegentlich auf Liedpostkarten
  • Tondokumente: etliche Tontr├Ąger
Ber├╝cksichtigt werden hier prim├Ąr Quellen, die im Deutschen Volksliedarchiv (DVA) erschlossen sind. Hinsichtlich der Tontr├Ąger wurden auch die Best├Ąnde des Deutschen Musikarchivs (Leipzig) miteinbezogen.



Zitiervorschlag
Tobias Widmaier: Ich bin der Doktor Eisenbart (2009). In: Popul├Ąre und traditionelle Lieder. Historisch-kritisches Liederlexikon. URL: <http://www.liederlexikon.de/lieder/ich_bin_der_doktor_eisenbart/>.


© Deutsches Volksliedarchiv
zuletzt ver├Ąndert: 16.10.2012 11:30
 

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