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Am Frühjahr schrieb man ein Passport


"Am Frühjahr schrieb man ein Passport" ist ein historisches Ereignislied bessarabiendeutscher Siedler aus der Zeit des Krimkriegs (1853–1856). Es berichtet vom Einsatz russlanddeutscher Fuhrleute im Proviantdienst des russischen Heeres. Eine Parodie dieses Liedes wurde während des Ersten Weltkriegs, im Herbst 1917, von russlanddeutschen Soldaten verfasst. Ihr Text thematisiert deren aktuelle Situation – insbesondere den Kriegsüberdruss und die schlechte Ausstattung der Soldaten.

I. Verfasst wurde "Am Frühjahr schrieb man ein Passport" von bessarabiendeutschen Männern im Krimkrieg, offenbar zur Zeit der russischen Besetzung der Donaufürstentümer Walachei und Moldau (1854). Die älteste bekannte Aufzeichnung dieses Liedes ist jedoch erst siebzig Jahre später gemacht worden: im Jahr 1927, nahmen die Germanistin Ellinor Johannson und der Philologe und Germanist Viktor Schirmunski während einer Feldforschung auf der Halbinsel Krim (Ukraine) in der Siedlung Zürichtal Text und Melodie auf (Edition A). Bemerkenswert ist hierbei, dass die Gewährsperson, der 1858 von Bessarabien nach Zürichtal übergesiedelte Johannes Stauber, sich auch als einen der Urheber des Liedes bezeichnete.

II. Damals noch von der Militärpflicht befreit, waren russlanddeutsche Männer zwar nicht als Soldaten am Krimkrieg beteiligt, aber mitunter als Dienstleister für die Kriegslogistik tätig. "Am Frühjahr schrieb man ein Passport" berichtet in 22 Versen vom Einsatz der "Pochonzen" – der für den Transport von Nahrungsmitteln für Mensch und Tier im russischen Heer zuständigen Fuhrleute – in Bessarabien und der Dobrudscha während des Krimkriegs. In knappen, schmucklosen Versen wird die Fahrtroute des Proviantdienstes geschildert: von Stadt zu Stadt durch weite Teile Bessarabiens bis hin nach Tulcea im Norden der Dobrudscha, nachdem die zaristische Armee diese Stadt im damaligen osmanischen Reich im März 1854 erobert hatte. Ihre Aufgabe im Heer des russischen Zaren fassen die Autoren lapidar zusammen: "Und mir Pochonzen insgesamt, mir fahren Hoi und Profiant. Und dieses muss der Kaiser haben, wann er will die Türken schlagen." Den Schluß bildet eine launige Wanderstrophe, die darauf hindeutet, dass dieses Lied nicht nur zur Schilderung eines historischen Geschehens, sondern auch als Lied zur Unterhaltung, zu Spaß und Zeitvertreib ersonnen wurde.

III. Eine Parodie auf "Am Frühjahr schrieb man ein Passport" mit dem Eingangsvers "Im Spätja[h]r schreibt man Europa" wurde, ebenfalls von Russlanddeutschen, während des Ersten Weltkriegs gedichtet und 1928 bei Odessa (Ukraine) von dem Lehrer Hermann Bachmann erstmals aufgezeichnet – allerdings ohne die zugehörige Melodie (Edition B). Aus dem Liedtext lässt sich indirekt auf einen Entstehungszeitraum im Herbst ("Spätjahr") 1917, zwischen russischer Februar- und Oktoberrevolution, schliessen. Diese Parodie drückt die Kriegsverdrossenheit russlanddeutscher Soldaten aus und ist zudem ein Zeugnis der Krise der bürgerlichen Interrimsregierung, die nach der Abdankung des Zaren die politischen Geschäfte in Russland übernommen hatte. Die ersten fünf Verse des Textes bleiben nahe an der Vorlage – nur dass hier nicht die "Pochonzen", sondern die "Rekruten [...] fort" müssen und zwar nach Odessa und in andere Gegenden Russlands, wo nach kurzer Ausbildung bei schlechter Verpflegung und mit mangelhafter Kleidung gekämpft werden musste. Nur wenige Worte in diesem kurzen Liedtext lassen den zeitgeschichtlichen Kontext durchscheinen: Russland ist im "Spätja[h]r" unter einem "krumm[en]" Präsidenten im Krieg mit anderen europäischen Nationen – hier ist der Erste Weltkrieg und die russische Übergangsregierung zwischen der Februar- und Oktoberrevolution unter Kerenski gemeint. Unklar ist, ob diese dreistrophige Fassung eine vollständige Version dieser Liedparodie ist oder lediglich ein Fragment.

IV. Entstanden wahrscheinlich in den Jahren um 1854 in Bessarabien, war "Am Frühjahr schrieb man ein Passport" noch Ende der 1920er Jahre unter Russlanddeutschen in der Ukraine (auf der Krim, in der Umgebung von Odessa, sowie – den Angaben der Gewährsperson zufolge – in Bessarabien) bekannt. Auch die Tatsache, dass der Liedtext während des Ersten Weltkriegs von ukrainedeutschen Rekruten aufgegriffen und zu einer Parodie verarbeitet wurde, legt nahe, dass dieses Lied zumindest regional einen gewissen Bekanntheits- und Verbreitungsgrad erlangt hatte. Der derzeit jüngste bekannte Beleg stammt aus dem Jahr 1928.

INGRID BERTLEFF
(November 2010)



Quellenübersicht
  • Ungedruckte Quellen: zwei Belege aus mündlicher Überlieferung
  • Gedruckte Quellen: ein Beleg aus mündlicher Überlieferung
  • Bild-Quellen: —
  • Tondokumente: eine Feldforschungsaufnahme (Wachsschallplatte)
Berücksichtigt werden hier primär Quellen, die im Deutschen Volksliedarchiv (DVA) erschlossen sind. Hinsichtlich der Tonträger wurden auch die Bestände des Phonogrammarchivs St. Petersburg (IRLI) und des Deutschen Musikarchivs (Leipzig) miteinbezogen.



Zitiervorschlag
Ingrid Bertleff: Am Frühjahr schrieb man ein Passport (2010). In: Populäre und traditionelle Lieder. Historisch-kritisches Liederlexikon. URL: <http://www.liederlexikon.de/lieder/am_fruehjahr_schrieb_man_ein_passport/>.


© Deutsches Volksliedarchiv
last modified 12.09.2012 10:54
 

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