Projektbeschreibung
Forschungsgeschichtlich steht das "Historisch-kritische Liederlexikon" in der Nachfolge der zehnbändigen Balladen-Edition "Deutsche Volkslieder mit ihren Melodien" (1935-1996). Die neue Edition nimmt Leistungen und Niveau dieses wissenschaftlichen Liedkompendiums auf, setzt jedoch hinsichtlich der konkreten Editionspraxis und der Liedkommentierung deutlich andere und wissenschaftlich innovative Akzente.
Die Notwendigkeit einer solchen Edition gründet im allgemeinen Informationsdefizit über Inhalte, Formen und Geschichte deutschsprachiger Popularlieder. Ein entsprechendes Nachschlagewerk ist seit langem ein fundamentales Desiderat der Popularliedforschung. Es korrespondiert einem breitgestreuten Wissensbedarf, der sich tagtäglich allein in den zahlreichen Anfragen zu einzelnen Liedern im DVA ablesen lässt, sei es von Seiten der Wissenschaft und Forschung (und hierbei von unterschiedlichsten Disziplinen) oder von Seiten des interessierten Publikums (zumal aus den Bereichen Schule und Bildung, Berufs- und Laien-Musiker, Medien und Kultureinrichtungen).
Das Deutsche Volksliedarchiv ist mit seiner einzigartigen Sammlung und seinen umfangreichen Beständen das kulturelle Gedächtnis der traditionellen und populären Lieder aus dem deutschsprachigen Raum. Dieses Forschungsinstitut wurde 1914 mit der Intention ins Leben gerufen, eine repräsentative und philologisch solide Edition der Deutschen Volkslieder mit ihren Melodien zu ermöglichen. Schon damals war die Unzufriedenheit über bestehende Vorarbeiten der Ausgangspunkt für eine breit angelegte Editionsarbeit, die sich zunächst auf die Gattung der Volksballade konzentrierte. Diese Balladen-Edition, ein zehnbändiges Herzstück der traditionellen Volksliedforschung, wurde 1996 beendet.
Deshalb wurde auf Initiative von Eckhard John im Deutschen Volksliedarchiv seit 2002 eine neue wissenschaftliche Lied-Edition konzipiert, die einerseits die bewährten Standards der Balladen-Edition aufnimmt (etwa die umfassende Quellenrecherche und philologische Exaktheit), und andererseits diese in ein neues und zukunftsfähiges Editionskonzept einbindet. Dieses Konzept einer zeitgemäßen Lied-Edition fußt auf einem wesentlich erweiterten Liedverständnis und umfasst nicht nur traditionelle "Volkslieder", sondern die gesamte Breite des deutschsprachigen Popularliedes in seinen unterschiedlichsten Facetten.
Ein erster Schritt zur Umsetzung dieses Forschungsvorhabens war die Beteiligung des Deutschen Volksliedarchivs an einem wissenschaftlichen Verbundprojekt zur datenbankgestützten Edition lyrischer Kurztexte, das 2004-2006 von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert wurde ("Lyrik und Lied"). Kooperationspartner hierbei waren das Deutsche Seminar der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg im Breisgau (Projekt "Freiburger Anthologie") und das Gesangbucharchiv der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Im Rahmen dieses DFG-Projektes wurden 60 Liedtypen als Prototypen der künftigen Edition erarbeitet.
Die Realisierung des "Historisch-kritischen Liederlexikons" wird seit Mai 2007 von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) durch das Projekt "Traditionelle Lieder im 20. Jahrhundert" gefördert. Hierbei wird ein Korpus von 200 besonders breitenwirksamen Lieder untersucht und ediert. In einer ersten Förderphase (2007-2009) sind hierzu 80 Lieder erarbeitet und online gestellt worden. Dieses Projekt bildet weiterhin die Basis des Historisch-kritischen Liederlexikons: in der zweiten Förderphase (2010-2013) erfolgt nunmehr der systematische Ausbau.
Ergänzt werden diese Forschungen durch zwei weitere Editionsprojekte, die "Kolonistischen Lieder der Rußlanddeutschen" (Projektförderung: Bundesbeauftragter für Kultur und Medien) und die "Lieder der Revolution 1848/49" (Projektförderung: Arts and Humanities Research Council und Deutsche Forschungsgemeinschaft).