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Wälzen möcht' ich mich vor Trauer

(Ein schönes neues Lied von dem weltberühmten Struwwel-Putsch)

Das Spottlied über den "weltberühmten Struwwel-Putsch" wurde im Herbst 1848 von dem Heidelberger Rechtsanwalt Karl Gottfried Nadler verfasst. In der Form des stilisierten Bänkelsangs wiederholte Nadler hier das Muster seines wenige Monate zuvor veröffentlichten "Guckkastenliedes" über Friedrich Hecker und machte sich nun über den zweiten bewaffneten Aufstand in Baden unter der Führung von Gustav Struve lustig. Wie sein Hecker-Lied erschienen auch die satirischen Verse zu Struve als illustrierter Bilderbogen, aber im Unterschied zum Hecker-Druck fand der "Struwwel-Putsch" keine nennenswerte Verbreitung als Lied.

I. Karl Christian Gottfried Nadler (1809–1849) schrieb sein Spottgedicht über den revolutionären Aktivismus von Gustav Struve direkt nach der Niederschlagung des Aufstands im September 1848. Der Jurist Nadler betätigte sich verschiedentlich als volkstümlicher Dichter, zum einen als Autor in Pfälzer Mundart, zum anderen als satirischer Kommentator des Zeitgeschehens aus konservativer Sicht. Für seine Zeitkritik nutzte er gerne Publikationsformen mit graphischen Illustrationen: die "Fliegenden Blätter" ebenso wie das Medium Bilderbogen. Ein solcher erschien bereits im Juni 1848 mit seinem ungleich bekannteren Spottlied "Seht, da steht der große Hecker". Nach dem Vorbild dieses Hecker-Liedes fertigte Nadler in Stil und Gestaltungsweise nun auch sein Struve-Lied an und veröffentlichte es – wiederum unter dem Pseudonym Johann Schmitt – im November 1848. Gedruckt wurde der Bilderbogen bei F. Erhard in Nördlingen (Abb. 1).

II. Wie schon das Vokabular des Liedtitels signalisiert, macht sich Nadler die Form des stilisierten Bänkelsangs zu eigen: "Ein schönes neues Lied von dem weltberühmten Struwwel-Putsch" erzählt in 24 Strophen den Verlauf des September-Aufstands unter Gustav von Struve als moritatenhafte Satire (Edition A). Ergänzt werden die Verse durch zahlreiche Illustrationen zu einzelnen Strophen. Im Zentrum des Bilderbogens steht ein koloriertes Porträt des Protagonisten Struve, das diesen als revolutionären Schreibtischtäter und bewaffneten Geldräuber karikiert. Verweist schon die Bild-Text-Kombination auf das Ambiente der Bänkelsänger, so greift die offerierte musikalische Darbietungsform mit Drehorgel ("Orgelbegleitung") wie auch die Erzählhaltung des Liedes darauf zurück. In den Eingangsversen und Schlussstrophen spricht der Autor als "Spielmann", der allen, die die revolutionären Ereignisse nicht selbst erlebt haben, Aufklärung darüber verspricht. Darüber hinaus könnten diese Kenntnisse durch den Kauf seines Blattes buchstäblich erworben werden. Dabei macht der Autor aus seiner Parteilichkeit für die Seite der Revolutionsgegner (als "Spielmann bei den Hessen") keinen Hehl. Zudem gibt er sich als Urheber des ähnlich gehaltenen "Heckerliedes" zu erkennen, an welches einzelne Verse des "Struwwel-Putsches" Reminiszenzen enthalten, wie die Anspielungen auf Heckers "Statthalter" Ignaz Peter (Str. 10), die angebliche Flucht Herweghs unter einer Spritzdecke (Str. 19) oder die Verhaftung durch Amtmann Schey (Str. 21/22). Die Form des stilisierten Bänkelsangs dient Nadler als Mittel hohnlachender Satire. Das lässt sich am titelgebenden Wortspiel mit Struves Namen ebenso ablesen wie an verschiedenen Details in den einzelnen Strophen. Auch die Vortragsbezeichnung "sehr kläglich zu lesen und zu singen" signalisiert die spöttische Grundhaltung des Liedes. Welche "bekannte neue Modemelodie" den Noten des Bilderbogens zugrunde liegt, ließ sich bislang nicht identifizieren – es ist gut möglich, dass auch diese Charakterisierung lediglich ein Teil der bänkelsängerischen Inszenierung ist.

III. Die Publikation von Nadlers Bilderbogen wurde in der zeitgenössischen Presse teilweise mit wohlwollenden Worten begleitet: "Struwwel-Putsch heißt ein neues Volkslied, welches den zweiten Einfall Struve's in Baden besingt. Es bildet ein würdiges Seitenstück zum bekannten Leierkastenlied von dem großen Hecker und wird in ganz Süddeutschland weidlich unter Drehorgelbegleitung abgehaspelt." meldete beispielsweise die Leipziger Zeitschrift "Charivari" am 24. November 1848. Ob Nadlers "Struwwel-Putsch" damals tatsächlich als Bänkellied Verwendung fand, ist jedoch fraglich. Anders als bei seinem Hecker-Lied sind bislang keine ergänzenden Drucke als Flugschrift bekannt und es liegen auch sonst keine Hinweise auf eine Rezeption als Lied vor – obwohl der Struve-Bilderbogen (im Unterschied zum Hecker-Lied) mit Noten versehen war. Doch ist der "Struwwel-Putsch" von Nadler primär im Kontext der politischen Struwwelpeteriaden der Jahre 1848/49 zu sehen. Nachgedruckt wurde die Struve-Satire (gemeinsam mit dem Hecker-Lied) lediglich in den "Musenklängen aus Deutschlands Leierkasten" (Berlin 1849). Dort wurden Nadlers Verse mit neuen Illustrationen versehen (Abb. 2). Doch hielt sich der "Struwwel-Putsch" (anders als das Hecker-Lied) nur kurze Zeit in diesem auflagenstarken Büchlein: Bereits in der 4. Auflage der "Musenklänge" 1855 wurde er ersetzt durch eine "Traurige Berliner Geschichte". Sie erzählt von einer Frau, die ihren Mann als gottlosen Demokraten denunziert, worauf sich dieser das Leben nimmt. Dass Nadlers Verse gegenüber dieser Moritat verzichtbar erscheinen, wirft ein bezeichnendes Licht auf die geringe überregionale Wahrnehmung des Struve-Putsches. Nadlers Lied erschien fortan nur noch in den anhaltenden Neuauflagen seines Gedichtbandes "Fröhlich Palz, Gott erhalts!" (1851–1893).

IV. Seit den 1970er Jahren wurde der Bilderbogen vom "Struwwel-Putsch" verschiedentlich in Ausstellungen und Publikationen zum Bänkelsang oder zur Revolution 1848/49 verwendet. Als optisch attraktive Illustration (bzw. Exponat) erscheint er hier als Pendant zum "Guckkastenlied" über Hecker und ist als vergleichsweise seltener Druck zudem von sammlerischem Interesse. Die rezeptionsgeschichtliche Bedeutungslosigkeit der Nadler-Verse – ein grundlegender Unterschied zu seinem Hecker-Lied – wurde dabei jedoch meist außer Acht gelassen. Als Lied spielte die Struve-Satire weder in den Jahren um 1848 noch im Zuge der Wiederentdeckung der demokratischen Lieder jener Zeit durch die Liedermachergeneration um 1970 eine nennenswerte Rolle. Dementsprechend liegt bislang auch nur eine einzige Tonaufnahme des Liedes – von Roland Kroell – vor: Der badische Sänger nahm es 1998 auf und versah Nadlers Text dabei mit einer eigenen Melodie ("Viel Tausend sich erheben..." Lieder zur badischen Revolution. Selbstverlag R. Kroell).

ECKHARD JOHN
DAVID ROBB
Quellenrecherche: JOHANNA ZIEMANN
(März 2011)



Editionen und Referenzwerke
  • Karl Gottfried Nadler: Fröhlich Palz, Gott erhalts! – und andere Gedichte. Hrsg. von Hermann Wiegand und Walter Sauer. Landau (Pfalz) 1994, S. 251–255, 281; (sowie Bibliographie zu Nadler).;

Weiterführende Literatur
  • Klaus-Peter Schroeder: Karl Gottfried Nadler – Ein Poet und Advokat aus Kurpfalz. In: Juristen als Dichter. Hrsg. von Hermann Weber. Baden-Baden 2002, S. 21–30.
  • Wilhelm Engelbert Oeftering: Karl Gottfried Nadler und die "Fliegenden Blätter". In: Mannheimer Geschichtsblätter 38 (1937), S. 52–55.


Quellenübersicht
  • Ungedruckte Quellen: keine Aufzeichnungen aus mündlicher Überlieferung
  • Gedruckte Quellen: wenige Drucke und Rezeptionsbelege
  • Bild-Quellen: selten
  • Tondokumente: singuläre Aufnahme
Berücksichtigt werden hier primär Quellen, die im Deutschen Volksliedarchiv (DVA) erschlossen sind. Hinsichtlich der Tonträger wurden auch die Bestände des Deutschen Musikarchivs (Leipzig) miteinbezogen.



Zitiervorschlag
Eckhard John, David Robb: Wälzen möcht' ich mich vor Trauer (2011). In: Populäre und traditionelle Lieder. Historisch-kritisches Liederlexikon. URL: <http://www.liederlexikon.de/lieder/waelzen_moecht_ich_mich_vor_trauer/>.


© Deutsches Volksliedarchiv
last modified 12.09.2012 11:41
 

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