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Seht, die bunten Fahnen fliegen

(Unsre Fahne ist die Treue)

"Seht, die bunten Fahnen fliegen" ist ein Bekenntnislied aus der katholischen Jugendbewegung, das Georg Thurmair zu Beginn des "Dritten Reichs" geschrieben hat. Der Liedanfang greift ein Motiv auf, das kurz zuvor bereits in dem bekannten Lied "Wenn die bunten Fahnen wehen" verwendet wurde. Gegenüber der enormen Popularität dieses aus dem Kreis des Nerother Wandervogel hervorgegangenen Fahrtenliedes fand Thurmairs katholisches "Fahnen"-Lied nur sehr begrenzte Resonanz.

I. Der Dichter Georg Thurmair (1909–1984) gehörte als junger Autor zum engen Kreis um Prälat Ludwig Wolker, dem Leiter des Katholischen Jungmännerverbandes Deutschlands, und arbeitete seit 1926 als dessen Sekretär in Düsseldorf. Zu Beginn der NS-Herrschaft war Thurmair eingebunden in die Herausgabe des "grauen Singeschiffs", dem zweiten Teil der "Lieder deutscher katholischer Jugend", das ganz bewusst "ein feldgraues Gewand, ein Soldatengewand" trug, "sinnbildhaft und der Stunde gemäß", wie Ludwig Wolker in seinem Geleitwort schrieb. In diesem 1934 veröffentlichten Liederbuch erschienen etliche Liedtexte Thurmairs, darunter auch "Seht, die bunten Fahnen wehen" (Edition A). Vertont wurden seine Verse von dem Musiklehrer Adolf Lohmann, der als Herausgeber des "Singeschiffs" zugleich für das gesamte Liederbuch mitverantwortlich war.

II. An Thurmairs Text fällt zunächst die Parallelität des Anfangs zu einem der bekanntesten Lieder der deutschen Jugendbewegung – "Wenn die bunten Fahnen wehen" – ins Auge. Möglicherweise kannte der jugendbewegte Katholik Thurmair das 1933 erschienene Liederbuch des Nerother Wandervogels, in dem "Wenn die bunten Fahnen wehen" erstmals veröffentlicht worden war. Doch ist Näheres dazu nicht überliefert. So verblüffend die Ähnlichkeit des Liedbeginns auch erscheint, so ist doch gleichzeitig zu berücksichtigen, welchen zentralen Symbolwert "Fahnen" und "Fahne" sowohl in der Jugendbewegung wie im NS-Staat hatten. In etlichen Liedern kam dies damals zum Ausdruck, in exponierter Form auch in dem HJ-Lied "Unsere Fahne flattert uns voran". Auch das Repertoire des katholischen "Singeschiffs" war von Motiven wie "Bannerweihe", "Fahnenspruch" und ähnlichem durchsetzt und in gleicher Weise atmete auch Thurmairs Liedtext den soldatischen Geist jugendbewegten Denkens. Er schöpfte aus dem Arsenal gängiger Bilder mit "schweren Trommeln", hämmernden "Herzen", marschierender Jugend, "Blut", "Treue" und "Mut". Inhalt und Zungenschlag des Liedes sind von Produkten nazistischer Parteigänger kaum zu unterscheiden. Die Differenz zum NS-Staat lag hier nicht auf der Textebene, sondern allein im Milieu, dem das Lied angehörte. Erst hier kamen Liedzeilen zum Tragen, die auch als getarnter Wiederspruch zum NS-Regime gedeutet werden konnten: "Jugend will sich frei gestalten" (Str. 3), dieser fundamentale Leitgedanke der alten Jugendbewegung konnte etwa in entsprechendem Umfeld auch gegen die nazistische "Gleichschaltung" gedacht werden. Und die Losung "Unsre Fahne ist die Treue" (Str. 4), die zugleich als Liedtitel fungierte, war zweifellos als Aufruf zur Treue gegenüber dem katholischen Glauben und seinen Organisationen gemeint.

III. Neben der Vertonung des Textes von Adolf Lohmann im "Singeschiff" (Edition A) erschien wenig später noch eine weitere Komposition des Liedes durch den Leipziger Musiker Gerhard Rößner (1907–1944), dem Inhaber des Verlages "Der Turner-Musikant" (Edition B). Sein Versuch, Thurmairs Text um 1935 auch für die Turnerschaft dienstbar zu machen, hatte jedoch keinen nennenswerten Erfolg. "Seht, die bunten Fahnen fliegen" blieb weitgehend ein auf den katholischen Bereich beschränktes Lied. Es erschien damals auch als separates Liedblatt (Abb. 1) sowie sogar auf Schellackplatte in der Reihe "Stimmen der Jugend" (Hrsg. vom katholischen "Jugendhaus Düsseldorf", hergestellt von Telefunken, Platten-Nr. 20307) und es fand noch 1941 Aufnahme in "Unser Singebuch", das der Reichsverband für das katholische Deutschtum im Ausland (RKA) in Berlin herausbrachte. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg war das Lied noch gelegentlich in katholischen Liederbüchern wie "Die grosse Straße" (Deutsche Pfadfinderschaft St. Georg, München um 1948/49) oder "Singende Jugend" (Katholisches Jugendwerk Österreichs, Salzburg 1948) enthalten.

IV. Aufs Ganze gesehen war die Resonanz auf "Seht, die bunten Fahnen fliegen" jedoch eher gering. Während Georg Thurmair 1935 mit "Wir sind nur Gast auf Erden" eines der erfolgreichsten katholischen Lieder des 20. Jahrhunderts schrieb und 1938 mit der Publikation "Kirchenlied. Eine Auslese geistlicher Lieder" – wiederum gemeinsam mit Adolf Lohmann – die einflussreichste Sammlung für die jüngste katholische Gesangbuchgeschichte herausbrachte, fand sein "Fahnen"-Lied vergleichsweise wenig Verbreitung. Zum einen stand es völlig im Schatten des enormen Erfolgs von "Wenn die bunten Fahnen wehen", zum anderen hatte Thurmair selbst bereits 1935 eine nunmehr gänzlich anders gelagerte "Fahnentreue" artikuliert: "Rollt eure Fahnen um den Schaft / und geht wie stumme Boten" schrieb er in dem gleichnamigen Gedicht mit unüberhörbarer Abgrenzung zu den Nazis: "Die Straße frei, der Lärm vergeht / wir ziehen in die Stille". Thurmair blieb auch in den folgenden Jahren konsequent bei einer ablehnenden Haltung gegenüber dem NS-Regime (Labonté 2008).

V. Dennoch erlebte das Lied "Seht, die bunten Fahnen fliegen" in den 1980er Jahren nochmal eine pikante Reprise: als vermeintlicher Beleg für angebliche NS-Repressalien gegen Adolf Lohmann. Donald Ahrens berichtete aus seinen Begegnungen mit Georg Thurmair, Lohmann habe ihr gemeinsames "Fahnen"-Lied in seinem Schulliederbuch "Lieder des Volkes. Erbe und Aussaat" (Wuppertal 1936) dem HJ-Lied "Unsere Fahne flattert uns voran" gegenüber gestellt und sei deswegen von den Nazis strafversetzt worden (Ahrens 1986). Tatsächlich aber ist "Seht, die bunten Fahnen fliegen" in Lohmanns Schulliederbuch gar nicht enthalten. Sehr wohl aber findet sich dort (neben anderen bekannten NS-Liedern) das erwähnte HJ-Lied Baldur von Schirachs. Und direkt davor war Thurmairs "Schwertlied der Buben" ("Wenn die Buben Schwerter tragen"), das Lohmann ebenfalls vertont hatte, abgedruckt – ein Lied, das schwerlich bei den Nazis Anstoß erregt haben dürfte. Dennoch hält sich die Legende, Lohmann sei wegen des Abdrucks des katholischen Bekenntnisliedes "Unsere Fahne ist die Treue" von den Nazis strafversetzt worden, bis in neuere Forschungsliteratur (Linner 2009). Anregender für ein historisches Verständnis des Liedes sind demgegenüber Ansätze (selbst-)kritischer Überlegungen aus den Reihen der Erlebnisgeneration katholischer Jugendarbeit (Beilmann 1989).

ECKHARD JOHN
(Februar 2013)



Weiterführende Literatur
  • Maria Margarete Linner: Lied und Singen in der konfessionellen Jugendbewegung des frühen 20. Jahrhunderts. Frankfurt a. M. 2009, S. 44 (zur angeblichen Strafversetzung Lohmanns aufgrund des Liedes)
  • Thomas Labonté: Die Sammlung "Kirchenlied" (1938). Entstehung, Corpusanalyse, Rezeption. Tübingen 2008; S. 24–38 (zu Thurmair und seiner Ablehnung des NS-Staates)
  • Christel Beilmann: Eine katholische Jugend in Gottes und dem Dritten Reich. Briefe, Berichte, Gedrucktes 1930–1945, Kommentare 1988/89. Wuppertal 1989, S. 187–202.
  • Donald Ahrens: Georg Thurmair und Adolf Lohmann. In: Elisabeth Thurmair (Hrsg.): Ein Gast auf Erden: Georg Thurmair. Mahner, Rufer, Rebell. Eggenfelden 1986, S. 263–273, Zitat S. 271.  


Quellenübersicht
  • Ungedruckte Quellen: keine Aufzeichnungen aus mündlicher Überlieferung
  • Gedruckte Quellen: sehr selten in Gebrauchsliederbüchern
  • Bild-Quellen: —
  • Tondokumente: singulär (1 Aufzeichnung auf Schellackplatte)
Berücksichtigt werden hier primär Quellen, die im Deutschen Volksliedarchiv (DVA) erschlossen sind. Hinsichtlich der Tonträger wurden auch die Bestände des Deutschen Musikarchivs (Leipzig) miteinbezogen.



Zitiervorschlag
Eckhard John: Seht, die bunten Fahnen fliegen (2013). In: Populäre und traditionelle Lieder. Historisch-kritisches Liederlexikon. URL: <http://www.liederlexikon.de/lieder/seht_die_bunten_fahnen_fliegen/>.


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last modified 12.02.2015 06:50
 

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