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Es tönen die Lieder


Der Kanon "Es tönen die Lieder" entstand vermutlich Mitte des 19. Jahrhunderts, sein Autor ist nicht bekannt. Er bringt die Freude über den beginnenden Frühling zum Ausdruck und fand zunächst im Rahmen der Reformierung des Schulturnens durch Adolf Spieß Verwendung. Seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert wurde der Kanon gelegentlich in Schulliederbüchern veröffentlicht, ab den 1920er Jahren nahm seine Verbreitung im musikpädagogischen Kontext und in Jugendliederbüchern beständig zu. Seit den 1930er Jahren wurde "Es tönen die Lieder" verschiedentlich bearbeitet und ist bis in die Gegenwart in Liederbüchern, Schule und auf Tonträgern weit verbreitet.

I. Die Herkunft des Kanons "Es tönen die Lieder" liegt bislang im Dunkeln. Erstmals lässt er sich im Rahmen einer Turnveranstaltung nachweisen: Bei einem Festturnen, das am 15.–16. Dezember 1853 in Darmstadt stattfand, ist er von Schülerinnen als Reigen aufgeführt geworden. Dabei ging der Gesang mit einer speziellen Mischung aus Gymnastik und Tanz einher, entsprechend den Reformbestrebungen des schulischen Turnens von Adolf Spieß. Aus dem Nachlass des Turnpädagogen Adolf Spieß (1810–1858) ist das Lied 1869 erstmals publiziert worden: In einer Sammlung von "Reigen und Liederreigen für das Schulturnen" erschien "Es tönen die Lieder" mit detaillierten Angaben zu den von Spieß intendierten Schrittfolgen (Edition A). Dass Adolf Spieß auch der Verfasser des Kanons war – wie gelegentlich in Schulliederbüchern verzeichnet – lässt sich hingegen nicht belegen und erscheint insofern zweifelhaft zu sein, als im genannten Buch die von ihm verfassten Liedkompositionen gesondert aufgeführt sind: "Es tönen die Lieder" findet sich nicht darunter.

II. "Es tönen die Lieder" ist ein auftaktiger, dreistimmiger Kanon, der die Freude über den Beginn des Frühlings besingt. Dieser wird mit einem musizierenden Hirten assoziiert, dessen Herde nach dem im Stall verbrachten Winter nun wieder auf den Wiesen weiden kann. Adolf Spieß entwickelte zu dem Lied eine Abfolge verschiedener Schritte ("Wiegeschritt", "Kreuzwirbel" usw.), die jeweils den drei Liedzeilen zugeordnet wurde (Edition A). Diese Kombination von Gesang und Turnen entsprach dem allgemeinen Konzept des Turnpädagogen, der seinerzeit als Initiator des Mädchenturnens und als Begründer des Turnens als Unterrichtsfach an Schulen in Erscheinung trat. Im Unterschied zu Friedrich Ludwig Jahns Turnunterricht, der überwiegend an Geräten stattfand und sich ausschließlich an Jungen richtete, entwickelte Spieß die so genannten "Freiübungen" (d. h. Übungen ohne Turngeräte), eine Turnform, die sich mit ihren tänzerischen Elementen seiner Ansicht nach besonders für Mädchen eignete und die er "Reigen" nannte. Diese "Reigen" konnten auch mit Musik verbunden werden – sei es Instrumentalbegleitung oder von Schülergruppen gesungene Lieder –, dann nannte er sie "Liederreigen". Die neue Turnart kam offenbar gut an, zumindest in den Augen des Berichterstatters einer Turnprüfung in Darmstadt am 21. März 1854, bei der auch unser Kanon wieder zum Einsatz kam: "…die Mädchen stimmen im ¾ Tacte das Lied an: 'Es tönen die Lieder, der Frühling kehrt wieder', und verbinden es mit den anmuthigsten Schrittweisen am Ort oder im Umzuge vom Ort. Man wird da unwillkürlich an die gymnopädischen Chöre der Griechen erinnert und muß sich freuen, daß es der deutschen Turnkunst gelungen ist, auf solche Weise das Schöne mit dem Guten zu verbinden" (Neue Lübeckische Blätter 1855).

III. Nach dem aus Spieß' Nachlass herausgegebenen "Reigen und Liederreigen" (1869, 2. Aufl. 1885) fand der Kanon Eingang in Schulliederbücher. 1877 erschien "Es tönen die Lieder" in "Pan. Ein lustiges Liederbuch für Gymnasiasten" (Edition B) und seit Anfang des 20. Jahrhunderts wurde das Lied zunehmend in weiteren Liederbüchern für den schulischen Gebrauch abgedruckt (Edition C). Insbesondere ab den 1920er Jahren war der Kanon im Rahmen der Schulmusikerziehung und der Jugendmusikbewegung vertreten, ebenso in (Jugend-)Liederbüchern der NS-Zeit. Selbst während des Zweiten Weltkrieges findet sich der Kanon in Liederbüchern wie "Chorliederbuch für die Wehrmacht" (1940) oder "Kameradschaft im Lied – Chorbuch für Front und Heimat" (1944), und just in dieser Zeit wurde es erstmals titelgebend für ein allgemeines Gebrauchsliederbuch ("Es tönen die Lieder. Eine Auslese deutscher Volkslieder", Köln 1942).

IV. Ab den 1930er Jahren entstanden außerdem Bearbeitungen des Liedes, die neben dessen eigentlichen Gebrauch als Kanon treten. Der Schweizer Lehrer und Komponist Walter Simon Huber (1898–1978) ergänzte den Kanon etwa durch drei weitere Strophen sowie eine begleitende Instrumentalstimme. In dieser Form erschien er ab 1937 in einigen Schweizer Schulliederbüchern (Edition D). Fritz Jöde verwendete "Es tönen die Lieder" wiederum als Teil eines "Kanon-Quodlibets" in seinem humoristischen Liederbuch "Der Pott" (Wolfenbüttel 1936). Dabei werden die Lieder "Himmel und Erde müssen vergehn", "C - a - f - f - e - e, trink nicht so viel Caffee!" und "Es tönen die Lieder" sukzessive nacheinander (und parallel zueinander) angestimmt und schließlich alle drei Kanons zusammen gesungen. Teil eines Quodlibet ist "Es tönen die Lieder" auch im FDJ-Liederbuch "Leben Singen Kämpfen" (Berlin 1958), wo – neben "C - a - f - f - e - e" – auch noch der Kanon "Heut kommt der Hans zu mir" sowie "Hab' mein' Wage vollgelade" (kein Kanon!) hinzukommen (Edition E). Hier handelt es sich um ein echtes Quodlibet von vier Liedern, die untereinander notiert sind und nicht im Kanon gesungen werden. Ebenfalls in den 1950er Jahren hat schließlich der Komponist Heinz Lau (1925–1979) sein Lied "Singt ein Vogel" mit "Es tönen die Lieder" zu einem Doppelkanon zusammengestellt (Edition F).

V. Die Verbreitung von "Es tönen die Lieder" wurde nach 1945 flächendeckend. Bis in die Gegenwart ist der Kanon in zahlreichen Schul-, Jugend- und allgemeinen Gebrauchsliederbüchern vertreten, ebenso auf zahlreichen Tonträgern: hier findet er sich jedoch hauptsächlich auf Produktionen mit Kinderliedern.

FRAUKE SCHMITZ-GROPENGIESSER
(Mai 2011)



Weiterführende Literatur
  • Nachrichten über A. Spieß, das Schulturnen und die Turnanstalt zu Darmstadt [Schluß]. In: Neue Lübeckische Blätter 21 (1855), Nr. 1 (7. Januar), S. 102–104 (Zitat S. 102)
  • Adolf Spieß: Das Turnen in den Freiübungen für beide Geschlechter. Basel: Scheighauser'sche Buchhandlung 1840 (v. a. S. 3–8)


Quellenübersicht
  • Ungedruckte Quellen: keine Aufzeichnungen aus mündlicher Überlieferung
  • Gedruckte Quellen: sehr häufig in Gebrauchsliederbüchern (20. Jahrhundert)
  • Bild-Quellen: etliche Lied-Illustrationen (in Kinderliederbüchern)
  • Tondokumente: viele Tonträger
Berücksichtigt werden hier primär Quellen, die im Deutschen Volksliedarchiv (DVA) erschlossen sind. Hinsichtlich der Tonträger wurden auch die Bestände des Deutschen Musikarchivs (Leipzig) miteinbezogen.



Zitiervorschlag
Frauke Schmitz-Gropengiesser: Es tönen die Lieder (2011). In: Populäre und traditionelle Lieder. Historisch-kritisches Liederlexikon. URL: <http://www.liederlexikon.de/lieder/es_toenen_die_lieder/>.


© Deutsches Volksliedarchiv
last modified 10.10.2012 11:13
 

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