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So hab' ich es nach langen Jahren

(Wohlgeboren)

Das Gedicht "Wohlgeboren" hat der Schriftsteller Georg Herwegh Ende 1841 in Paris verfasst. Es ist ein satirisches Rollengedicht, in dem sich die Erzählfigur durch ihre eigene Rede als angepasster Bürger entlarvt. Zu einem gesungenen Lied wurde der Text erst in den 1960er und 1970er Jahren durch Liedermacher wie Peter Rohland und das deutsche Folkrevival.

I. Georg Herwegh (1817–1875) war einer der prominentesten revolutionären Dichter des Vormärz. Sein "Wohlgeboren"-Gedicht veröffentlichte er erstmals im Februar 1842 in der Zeitschrift "Telegraph für Deutschland" und 1843 nahm er es in den zweiten Band seiner "Gedichte eines Lebendigen" auf (Edition A). Dort erschien es zusammen mit Franz Dingelstedts "Hochwohlgeboren" unter einer gemeinsamen Überschrift und dem Zusatz "von zwei deutschen Dichtern in Paris". Mit dem Autor Franz Dingelstedt (1814–1881) verband Herwegh im Winter 1841/42 in Paris eine enge Freundschaft.

II. Das Gedicht lässt einen Bürger ("Wohlgeboren") erzählen, wie er sich in seiner Jugend in politisch inopportunen Idealen "austobte" und ein "schwarzrothgolden Band" trug (als Anspielung auf die nationalstaatlichen Ambitionen der studentischen Burschenschaften). Nun aber, da er einen Posten ergattert habe, wolle er nicht mehr über politische Fragen nachdenken, sondern "ein guter Bürger" werden und es sich mit einem Orden bequem machen. Die Anregung zu dieser Satire über bürgerliche Anpassung und Duckmäusertum hatte Herwegh im Chanson-Gedicht "Le poète de cour" (1824) des französischen Lyrikers Pierre Jean de Béranger gefunden und dessen ironischen Ansatz und Form übernommen. Beiden Gedichten liegt der Verrat an aufklärerischen Idealen zugrunde. Während Béranger die liebedienernde Haltung von "Hofpoeten" attackiert – mittels eines sarkastischen Credos darauf, sich an Minister zu verkaufen, Oden auf den Egoismus zu verfassen oder hochgestellte Personen zu beweihräuchern –, zeichnet Herwegh in seinem Gedicht eine Karikatur des deutschen Bürgers, der sich von demokratischen Tendenzen distanziert: Er möchte vom Ruf nach der "verdammten Freiheit" in Ruhe gelassen werden, denn diese gefährde sein Bestreben ein "guter Bürger" zu werden nachhaltig.

III. Herweghs Gedicht wurde im 19. Jahrhundert in der Hauptsache durch die verschiedenen Auflagen seiner "Gedichte eines Lebendigen" verbreitet. Es gibt keinen Anhaltspunkt dafür, dass es damals bereits vertont bzw. als Lied gesungen worden ist. Erst in der Zeit des deutschen Folkrevivals der 1960er und 1970er Jahre wurde "Wohlgeboren" als Lied zu neuem Leben erweckt. Peter Rohland hat damals als erster den Herwegh-Text vertont (Edition B) und auf Schallplatte aufgenommen. Seit den ersten Burg Waldeck-Festivals ab 1964 hat er die Aufmerksamkeit der Folkszene auf die Vormärz- und 1848er-Lieder gelenkt. Rohlands leichtfüßige, chansonhaft-kabarettistische Melodie betont ebenso wie sein Vortragstil das Ironische des Inhalts. Hier wird offensichtlich, dass dieser historische Text im Vorfeld der Studentenbewegung als höhnisches Spiegelbild des angepassten deutschen Spießbürgers der Wirtschaftswunderzeit verstanden wurde. Weitere Aufnahmen prominenter Interpreten wie Dieter Süverkrüp (1973) und Hein & Oss Kröher (1974) folgten. Das Duo Mani Goetz und Rainer Guinn Ketz (1978), die Gruppen "Siebenpfeiffer" (1998) und "Deutsche Gildenschaft" (2002) kamen später hinzu. Kennzeichnend ist dabei die Unterschiedlichkeit der Vertonungen und musikalischen Arrangements. Auch dies veranschaulicht, dass es bislang für dieses Gedicht keine tradierte Melodie gab. Charakteristisch für die Liedrezeption ist weiterhin, dass Herweghs Text nun stets ohne die Paralleldichtung von Dingelstedt aufgegriffen wurde und dass seine Vertonungen in der Regel im Kontext von Liedern der Revolution 1848/49 auf Schallplatten oder in Liederbüchern erschienen. Wie selbstverständlich das Vormärzgedicht Herweghs von der damaligen Folk- und Liedermacherszene als Teil des 1848er Liederrepertoires verstanden wurde, zeigt sich auch an einem Detail der Texttradierung: Hier wurde das Wort "Henker" durch den Namen des 1848er Revolutionärs Friedrich Hecker ersetzt. Aus der Zeile "der Henker soll das Volk beglücken" wurde so (etwa in der Einspielung der Kröher-Zwillinge) "der Hecker soll das Volk beglücken".

DAVID ROBB
ECKHARD JOHN
Quellenrecherche: JOHANNA ZIEMANN
(Januar 2010)


Editionen und Referenzwerke

  • Georg Herwegh. Gedichte 1835–1848. Bearbeitet von Volker Giel (= Georg Herwegh: Werke und Briefe. Kritische und kommentierte Gesamtausgabe. Hrsg. von Ingrid Pepperle. Band 1). Bielefeld: Aisthesis Verlag 2006, S. 116–119 und S. 513–518.


Quellenübersicht
  • Ungedruckte Quellen: —
  • Gedruckte Quellen: sehr selten in Gebrauchsliederbüchern (nach 1970)
  • Bild-Quellen: —
  • Tondokumente: selten auf Tonträgern
Berücksichtigt werden hier primär Quellen, die im Deutschen Volksliedarchiv (DVA) erschlossen sind. Hinsichtlich der Tonträger wurden auch die Bestände des Deutschen Musikarchivs (Leipzig) miteinbezogen.



Zitiervorschlag
David Robb, Eckhard John: So hab' ich es nach langen Jahren (2010). In: Populäre und traditionelle Lieder. Historisch-kritisches Liederlexikon. URL: <http://www.liederlexikon.de/lieder/so_hab_ich_es_nach_langen_jahren/>.


© Deutsches Volksliedarchiv
last modified 05.12.2013 12:54
 

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