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Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad


"Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad" ist eines der bekanntesten Scherzlieder, das bei Kindern und Erwachsenen gleichermaßen beliebt ist. Das Lied entstand vermutlich in den 1930er Jahren als Umdichtung der Schlager "Wir versaufen unser Oma ihr klein Häuschen" (1922) und "Meine Oma fährt Motorrad, ohne Bremse, ohne Licht" (1928). Aber erst nach dem Zweiten Weltkrieg steigerte sich die Zahl der möglichen Strophen ins Unendliche.

I. Das Stimmungslied "Wir versaufen unser Oma ihr klein Häuschen" von Robert Steidl (1865–1927) ist 1922 erschienen und hatte umgehend Erfolg. Ursprünglich trug der Schlager auch den Titel "In der Jugend tut es wohl" (mit dem Liedincipit "Ich war als kleiner Junge so rund wie eine Wurscht"), doch der eingängige Oma-Refrain setzte sich rasch als Liedtitel durch. Das Oma-Motiv und die Melodie des zweiten Refrainteils bildeten dann auch die Grundlage für neue parodistische Liedverse. Deren genaue Herkunft ist nicht geklärt. Der Arbeiterlied-Sammler Herbert Kleye berichtet, dass einige Strophen bereits in den 1920er Jahren im Berliner Arbeitermilieu bekannt gewesen seien (Edition A). Auf eine Entstehung in den 1930er Jahren deutet die Herkunftsangabe "Aus der Jugendzeit" im frühesten gedruckten Beleg 1958 hin (Edition B). Doch direkte Quellen für die 1920/30er Jahre sind bislang nicht bekannt. Eindeutig belegt ist der Incipit "Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad" in einer Aufzeichnung aus dem Jahr 1942 (DVA: A 170143).

II. Auffällig ist die Diskrepanz zwischen der Häufigkeit, mit der die Oma-Parodien im Allgemeinen in den 1920er Jahren verortet werden, und dem Mangel an konkreten Belegen dafür. Möglicherweise ist dies aber nur darin begründet, dass solche Parodien von den Liedsammlern der damaligen Zeit nicht aufgezeichnet wurden, weil sie nicht der vorherrschenden Vorstellung vom "Volkslied" entsprachen. Möglich ist aber auch, dass es sich bei diesen Zuschreibungen um eine beharrlich kolportierte Legende handelt und dass die Oma-Parodien in den 1920er Jahren noch gar keine Rolle spielten, sondern im Wesentlichen erst später entstanden sind – rückblickend aber mit einem anderen, motivisch verwandten Lied jener Jahre vermischt und verwechselt werden: "Meine Oma fährt Motorrad, ohne Bremse, ohne Licht". Dieses Lied aus dem Jahr 1928 kam damals auch auf Schellackplatte heraus und ist in parodierter Form in Aufzeichnungen aus mündlicher Überlieferung bereits für die Jahre um 1930 belegt.

III. Gedruckt erschien "Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad" erstmals 1958 im Liederbuch "Der Zündschlüssel" nach der Erinnerung des Herausgebers Johannes Holzmeister (Edition B). Ab den 1960er Jahren erhält das "Oma-Lied" dann immer mehr Strophen und die Aufzählung davon, was die Oma alles hat oder tut, spiegelt Facetten der Alltagskultur jener Jahre: So besitzt die Oma beispielweise einen Petticoat, einen Papagei mit Blue Jeans, einen Fernseher, einen Kühlschrank oder Toilettenpapier mit Blümchen. Ab den 1970er Jahren geht die Oma dann auch in die Disco. Das ist ebenfalls die Zeit, in der die Verbreitung des Liedes durch populäre Liederbücher wie "Student für Europa" (1976) oder Fredrik Vahles "Liederspatz" (1980) einsetzt (Edition C). Die Integration in Gebrauchsliederbücher erfolgte also mit deutlicher zeitlicher Verzögerung; auch in der weit verbreiteten "Mundorgel" findet sich das Lied erst ab der Auflage von 1982.

IV. Das Lied von der Motorrad fahrenden Oma ist bis heute in Deutschland allgemein bekannt – obwohl es (aufs Ganze gesehen) gar nicht so häufig in Liederbüchern enthalten ist. Es ist ein Spiegelbild des spielerischen Vergnügens am Absurden und zugleich ein typisches und virulentes Beispiel für jenes Liedgut, das sich parallel zur medial geprägten Musikkultur des 20. Jahrhunderts entwickelt und mit einer gewissen Eigendynamik beständig verändert.

ECKHARD JOHN
RENATE SARR
(Juli 2008)



Quellenübersicht
  • Ungedruckte Quellen: kaum Aufzeichnungen aus mündlicher Überlieferung
  • Gedruckte Quellen: gelegentlich in Gebrauchsliederbüchern
  • Bild-Quellen: —
  • Tondokumente: einzelne Tonaufzeichnungen
Berücksichtigt werden hier primär Quellen, die im Deutschen Volksliedarchiv (DVA) erschlossen sind. Hinsichtlich der Tonträger wurden auch die Bestände des Deutschen Musikarchivs (Leipzig) miteinbezogen.


Ausführliche Quellendokumentation



Zitiervorschlag
Eckhard John, Renate Sarr: Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad (2008). In: Populäre und traditionelle Lieder. Historisch-kritisches Liederlexikon. URL: <http://www.liederlexikon.de/lieder/meine_oma_faehrt_im_huehnerstall_motorrad/>.


© Deutsches Volksliedarchiv
last modified 12.09.2012 12:15
 

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