Skip to content. Skip to navigation

Liederlexikon

Personal tools
You are here: Home Lieder Leute tretet rings heran
Document Actions

Leute tretet rings heran

(Ihr Leute tretet näher ran)

Das politische Ereignislied "Leute tretet rings heran" ist eines der bekannter gewordenen Lieder, die 1844 den Attentatsversuch von Ludwig Tschech gegen den preußischen König Friedrich Wilhelm IV. zum Thema machen. Als Bänkelsängerlied schlägt es einen etwas hemdsärmeligen Ton gegenüber seiner Majestät an und wurde bis in die 1870er Jahre in entsprechenden Liedsammlungen verbreitet.

I. Das Lied ist unter dem unmittelbaren Eindruck des Attentats vom 26. Juli 1844 entstanden. Am 29. September notierte Karl August Varnhagen von Ense drei Strophen davon in sein Tagebuch (Edition A). Doch die politische Brisanz des Ereignisses und die restriktive Zensur im Vormärz verhinderten, dass dieses Bänkelsängerstück damals über Flugschriften verbreitet wurde. Eine ausführlichere Version des Liedes hat sich jedoch in handschriftlicher Form – bezeichnenderweise in einer zeitgenössischen Polizeiakte – erhalten (Edition B).

II. Zunächst wird in diesem Lied eine Reihe prominenter Attentäter der Vergangenheit in Erinnerung gerufen – François Ravaillac (1578–1610), Jacob Johan Anckarström (1762–1792) und Joseph Fieschi (1790–1836) – um dann auf einigermaßen respektlose Weise über den Attentatsversuch des ehemaligen Storkower Bürgermeisters Ludwig Tschech auf König und Königin zu berichten. Demnach sah der König an jenem Morgen "fromm verschlafen" aus und Tschechs Streifschuss machte ihm "eine kleine Wurst / Doch die reizt noch mehr den Durst" (s. Edition B). Nach des Königs ersten Schreck "kriegt auf einmal er Courage / Und spricht: L[eckt mich am Arsch]." Seine Untertanen lieben ihn dafür: "Weil der König nicht getroffen / Ward den Abend viel gesoffen". Humoristisch-spöttischen Akzente bezieht das Lied gerade von solchen Stellen einer losen "Berliner Schnauze". Gleichzeitig artikuliert der Text aber demonstrative Königstreue und Dankbarkeit dafür, dass der Anschlag aufgrund göttlicher Fürsorge gescheitert sei. Doch die Zeitgenossen durchschauten diese Strategie als Tarnung, die den Text "nur heuchlerisch mit Frömmigkeit versetzt" (Varnhagen von Ense). In der Tat barg das Lied auch deutlich politische Anspielungen: zum einen über die prekäre Situation nach dem Aufstand der schlesischen Weber ("weil man hungerte nach Noten / Doch Empörung ist verboten"), zum anderen in der sarkastischen Kommentierung des potentiellen Königsmordes ("Ach, wie hätt' es uns geniret / Alleweil ganz unregiret").

III. Dass der Liedtext durch eine Polizeiakte konserviert und überliefert wurde, charakterisiert das politische Klima seiner Entstehungszeit exemplarisch. Ansonsten ist zu diesem Lied aus der Zeit vor 1848 kaum etwas bekannt, auch nicht die Melodie, zu der es vorgetragen wurde. Es stand damals wohl im Schatten des bekannteren Tschech-Liedes "War wohl je ein Mensch so frech", teilte mit diesem frühzeitig einzelne Motive und Verse (s. Kommentar zu Edition B) und zugleich die öffentliche Tabuisierung. Dies änderte sich nach 1848/49: Als der Schrecken der Revolution vorüber war und die Monarchie wieder fest im Sattel saß, hatte ein Lied über ein gescheitertes Attentat seinen Schrecken für die Herrschenden verloren. Ab 1849 konnte das politisch ohnehin nicht direkt anstößige Lied "Leute tretet rings heran" in der vielfach aufgelegten Liedsammlung "Musenklänge aus Deutschlands Leierkasten" erscheinen (Edition C) und wurde dort im Kontext anderer Attentats-Moritaten gedruckt. In die deutlich geraffte Textfassung hatte der Bearbeiter allerdings auch markante Teile des brisanteren Tschech-Liedes eingeschmuggelt (Str. 12f.). In dieser Version erschien "Leute tretet rings heran" über zwei Jahrzehnte mit verschiedenen Liedillustrationen (Abb. 1) bis zur 13. Auflage 1874. Der Eliminierung des Liedes in der 14. Auflage der "Musenklänge" (1876) korrespondierte die wenig später einsetzende Reaktivierung des anderen Tschech-Liedes ("War wohl je ein Mensch so frech"): nach zwei Attentaten gegen Kaiser Wilhelm I. im Jahr 1878 wurde es in sozialdemokratischen Kreisen (und Liederbüchern) wieder aufgegriffen.

IV. Erst in den 1960er Jahren ist auf das Bänkellied "Leute tretet rings heran" wieder Bezug genommen worden, an prominenter Stelle durch Wolfgang Steinitz, der es zusammen mit "War wohl je ein Mensch so frech" als einen gemeinsamen Liedtyp in seinen "Deutschen Volksliedern demokratischen Charakters" (1962) edierte. Doch es handelt sich zweifellos um zwei verschiedene Lieder; ihre Gemeinsamkeiten beschränken sich auf die zugrundeliegende Thematik, auf Rhythmus und Vers-Metrik und auf einige wechselseitige Textübernahmen. Im Umfeld des von Steinitz' Buch zehrenden deutschen Folkrevivals der 1970er Jahre wurde dieses Lied nur selten aufgegriffen (im Unterschied zum anderen Tschech-Lied). Schallplatteneinspielungen von Burkhard Heim und Frieder Reinighaus (1981) oder des Landestheaters Württemberg-Hohenzollern (1979) sind die Ausnahme.

DAVID ROBB
ECKHARD JOHN
Quellenrecherche: JOHANNA ZIEMANN
(November 2009)



Literatur
  • Hans Dieter Zimmermann: Bänkellied: Das Attentat. In: Geschichte im Gedicht. Texte und Interpretationen. Protestlied, Bänkelsang, Ballade, Chronik. Hrsg. Walter Hinck. Frankfurt am Main 1979, S.145–152.

Editionen und Referenzwerke
Weiterführende Literatur
  • Eckhard John: Das Lied vom Bürgermeister Tschech. Ausführlicher Kommentar. In: Populäre und traditionelle Lieder. Historisch-kritisches Liederlexikon. URL: <www.liederlexikon.de/lieder/leute_tretet_rings_heran /liedkommentar.pdf> (erscheint in Kürze)
  • Adolf Thimme: Georg Wigand und die Musenklänge aus Deutschlands Leierkasten. Bad Sachsa 1935, S. 24-26 und S. 36.


Quellenübersicht
  • Ungedruckte Quellen: singuläre handschriftliche Aufzeichnungen
  • Gedruckte Quellen: selten in Liederbüchern, wenig sonstige Rezeptionsdokumente
  • Bild-Quellen: —
  • Tondokumente: selten auf Tonträger
Berücksichtigt werden hier primär Quellen, die im Deutschen Volksliedarchiv (DVA) erschlossen sind. Hinsichtlich der Tonträger wurden auch die Bestände des Deutschen Musikarchivs (Leipzig) miteinbezogen.



Zitiervorschlag
David Robb, Eckhard John: Leute tretet rings heran (2009). In: Populäre und traditionelle Lieder. Historisch-kritisches Liederlexikon. URL: <http://www.liederlexikon.de/lieder/leute_tretet_rings_heran/>.


© Deutsches Volksliedarchiv

 

last modified 05.12.2013 12:05
 

nach oben | Impressum