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Frisch auf, mein Volk, mit Trommelschlag

(O wag' es doch nur einen Tag!)

Das politische Lied "Frisch auf, mein Volk, mit Trommelschlag" basiert auf einem Gedicht, das 1845 von Georg Herwegh geschrieben und unter dem Titel "O wag' es doch nur einen Tag!" veröffentlicht wurde. Zu Lebzeiten des Autors stieß es auf vergleichsweise wenig Resonanz. Vertont wurde das Herwegh-Gedicht erst im ausgehenden 19. Jahrhundert von Clemens Zahn. Mit anderen Melodien fand es dann in der Zeit der Weimarer Republik Eingang in Liederbücher der Arbeiterbewegung. In der DDR wurde das Lied ab den 1950er Jahren als revolutionäres Erbe gepflegt, in der Bundesrepublik fand es dagegen wenig Echo. Seit den 1970er Jahren war "Frisch auf, mein Volk, mit Trommelschlag" in Liedsammlungen zur 1848er Revolution vertreten, ins aktive Liedrepertoire der Folk- und Liedermacherszene ist es jedoch nur selten übernommen worden.

I. Seit 1839 lebte der sozialistische Dichter Georg Herwegh (1817–1875) im Exil, zunächst in der Schweiz, ab 1843 in Paris. Mit seinen 1841 erschienenen Band "Gedichte eines Lebendigen" hatte er sich einen Namen als politisch engagierter Autor gemacht und diesen 1844 mit einem zweiten Teil unterstrichen. Sein Gedicht "O wag' es doch nur einen Tag!" entstand Anfang Januar 1845 und wurde noch im gleichen Jahr auf einem Flugblatt veröffentlicht (Edition A).

II. Herweghs Gedicht ist ein Aufruf, dem freiheitlichen Elan des Geistes auch revolutionäre Taten folgen zu lassen – trotz der realen politischen Ohnmacht, mit der sich die demokratische Bewegung in jenen Jahren konfrontiert sah. Als Adressat des Aufrufs fungiert das "Volk", an das der Autor appelliert, wenigstens für einen einzigen Tag mehr politische Freiheit zu wagen – ein Anliegen, dessen sarkastische Untertöne nicht zu überhören sind. Doch der mitschwingende Hohn speist sich aus Resignation, die nur durch jenen pathetischen Tonfall, der schon für Herweghs "Gedichte eines Lebendigen" (1841) typisch war, kaschiert wird. Es sei eine Sache der "Ehre", meint der Autor, für einen einzigen "freien Atemzug" sein Leben zu riskieren, so wie wahrhaft Liebende bereit seien, für eine "Schäferstunde" den eigenen Tod in Kauf zu nehmen. Herweghs lyrischer Weckruf, aus dem "bösen Traum" der "Sklaverei" endlich zu erwachen, bleibt – flankiert von simplen Naturbildern ("Morgenluft", "Sternenlicht" oder "Zorneswetterschein") – formelhafte Beschwörung. Die Botschaft des Textes erschöpft sich letztlich im hasardeurartigen Eintreten für ein revolutionäres Abenteuer, das jegliche Vernunft als "düstre Weisheit" in den Wind schlägt. Im Unterschied zu Herweghs scharfzügigen satirischen Gedichten "Wohlgeboren" (1843), "Zu Frankfurt an dem Main" (1848) oder "Mein Deutschland, strecke die Glieder" (1848) verliert sich sein Aufruf "O wag' es doch nur einen Tag!" ohne argumentative Kraft in revolutionärem Pathos. Im Titel des Gedichtes sieht Volker Giel eine Anspielung auf Friedrich Schillers Satz "Versuch's mit uns nur einen Tag", welcher in seinem Drama "Wilhelm Tell" enthalten ist (Herwegh/Giel 2006), der Textbeginn erinnert zudem an Theodor Körners "Frisch auf, mein Volk, die Flammenzeichen rauchen" (1813).

III. Herweghs Gedicht kursierte zunächst unter den deutschen Emigranten in Frankreich, wobei die Publikationsform als Flugblatt sich bestens dazu eignete, den Text auch nach Deutschland zu senden. Als demonstrativer politisch-satirischer Akt erfolgte dies etwa im Mai 1847, als das Flugblatt "O wag' es doch nur einen Tag!" aus der Nähe von Paris anonym an den preußischen Kultusminister Johann Albrecht Friedrich von Eichhorn geschickt wurde (s. Anmerkung zu Edition A). Ein breiteres Echo fand Herweghs Gedicht im Revolutionsjahr 1848 in Zeitschriften wie den "Freikugeln" (Leipzig) und "Jahreszeiten" (Hamburg), sowie im "Deutschen Liederbuch" (Leipzig 1848) von Julius Schanz und Carl Parucker: dort wurde dem Gedicht auch erstmals eine Melodie zugewiesen (Edition B).

IV. Nach dem Scheitern der Revolution 1848/49 lassen sich zu Lebzeiten Herweghs keine weiteren Spuren seines Gedichtes auffinden. Es erschien erst wieder in den posthum veröffentlichten "Neuen Gedichten" (1877) in geringfügig veränderter Form (s. Edition A). Auf dieser Grundlage wurde "O wag' es doch nur einen Tag!" um 1890 von Clemens Zahn vertont und unter dem Titel "Aufruf" in Dresden als Musikdruck publiziert: sowohl als vierstimmiger Satz für Männerchor (Edition C) wie auch in einem Arrangement für Singstimme mit Klavier-Begleitung. Der Komponist Clemens Zahn brachte um die Jahrhundertwende auch noch andere Lied-Kompositionen für Männerchor heraus, aber sonst ist über ihn bislang nichts Näheres bekannt. Seine Herwegh-Vertonung hat aber in der sozialdemokratischen Arbeitersängerbewegung des ausgehenden 19. Jahrhunderts eine gewisse Resonanz gefunden: beispielsweise begrüßte der Arbeitergesangverein Regensburg am 26. Juni 1892 die Delegierten des ersten Parteitags der bayerischen SPD mit dem Lied "Frisch auf, mein Volk, mit Trommelschlag" (Augsburger Abendzeitung 1892).

V. Seit der Zeit der Jahrhundertwende findet sich das Lied vermehrt in Lyrik-Anthologien wie "Freiheitsklänge. Weckrufe aus alten und neuen Freiheitskämpfen" (München 1896) oder Julius Babs "Die deutsche Revolutionslyrik" (Wien, Leipzig 1919), sowie zugleich auch in Gebrauchsliederbüchern der Arbeiterbewegung. Dort wurde es jedoch nicht mit der Melodie von Clemens Zahn wiedergegeben, sondern – vermutlich aus urheberrechtlichen Gründen – mit der Tonangabe "Zu Mantua in Banden" versehen und der Text auf drei Strophen reduziert. In dieser Version war "Frisch auf, mein Volk, mit Trommelschlag" meist auch in Liederbüchern aus der Zeit der Weimarer Republik enthalten (Edition D). Offenbar wurde diese Text-Musik-Mischung jedoch als unbefriedigend empfunden, denn ab den zwanziger Jahre sind Herweghs Verse zunehmend mit weiteren Melodien kombiniert worden. Die bekannteste Weise davon (Edition E) ist vielfach einer "Clara Zahn" irrtümlich zugeschrieben worden – tatsächlich ist die Herkunft der Melodie jedoch nicht bekannt. Mit ihr wurde das Lied 1928 auch vom Arbeiter-Schalmeiorchester Berlin-Niederschöneweide und Louis van de Sande (Gesang) auf Schallplatte aufgenommen und fand in den Anfangsjahren des "Dritten Reiches" vereinzelt sogar Eingang in Schulliederbücher – bevor es nach 1935 aus dem NS-Herrschaftsbereich gänzlich verschwand. Andere Vertonungen des Liedes – von Wilhelm Decker (in: Kampflieder. Hrsg. Freie Sozialistische Jugend. Berlin 1919) oder Hans Wagner-Schönkirch (Ein freies Volk, op. 120, Leipzig: Eulenburg 1929) – blieben dagegen ohne erkennbare Resonanz.

VI. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde "Frisch auf, mein Volk, mit Trommelschlag" vor allem in der Liedpublizistik der frühen DDR wieder aufgegriffen. Die dem Lied inhärenten Motive der Freiheit und des Aufbruchs schienen nunmehr geeignet zu sein, den Aufbau des sozialistischen Staates zu begleiten. Der verkürzte Text und Herweghs "vage Formulierung" ließen eine relativ "freie inhaltliche Füllung" zu (Irmgard Scheitler 2005). Auf der musikalischen Ebene ist nunmehr ausschließlich die jüngste, kämpferische Melodie unbekannter Herkunft verwendet worden: sei es bei Tonaufnahmen mit Ernst Busch (1954) oder Lin Jaldati (1965), in der Chorbearbeitung des Komponisten Kurt Schwaen oder im Liederbuch "Leben – Singen – Kämpfen" der "Freien Deutschen Jugend" (FDJ), welches Herweghs Lied ab 1954 enthielt. Kurt Schwaens Chorsatz erschien 1953, im Jahr des ersten Sängertreffens auf der Wartburg nach dem Zweiten Weltkrieg, bei dem damals auch noch Chöre aus Westdeutschland anwesend waren (Edition F). 1955 wurde seine Bearbeitung auch im "Deutschen Chorbuch für gemischte Chöre" publiziert, das gemeinsam vom (westdeutschen) Deutschen Allgemeinen Sängerbund (dem Nachfolger des Deutschen Arbeiter-Sängerbundes) und dem Chorausschuss der DDR in Frankfurt am Main herausgebracht wurde. Doch darüber hinaus fand das Lied in der Bundesrepublik zu Zeiten des Kalten Krieges keine größere Resonanz.

VII. Dies ändert sich erst ab den 1970er Jahren im Kontext des revolutionären Klimas infolge der Studentenbewegung: nun war "Frisch auf, mein Volk" auch in der Bundesrepublik in Liederbüchern aus dem Umfeld der politisch engagierten Folk- und Liedermacherbewegung vertreten. Doch Herweghs pathetischer Gesang blieb ein reines Liederbuchlied, das von den damaligen Musikern und Interpreten weitgehend außer Acht gelassen wurde. Neuere Einspielungen auf Tonträger erfolgten erst in Hinblick auf das 150. Jubiläum der Revolution 1848/49, wobei Interpreten wie Roland Kroell (1998) oder Wolfgang Winkler (1999) den Marschrhythmus des Kampfliedstils zugunsten eines weicheren Folkarrangements aufgaben und die badische Gruppe "D'Gälfiäßler" (1998) eine eigene Vertonung benutzte.

DAVID ROBB
ECKHARD JOHN
Quellenrecherche: JOHANNA ZIEMANN
(April 2013)



Editionen und Referenzwerke
  • Georg Herwegh. Gedichte 1835–1848. Bearbeitet von Volker Giel. Bielefeld: Aisthesis Verlag 2006 (= Georg Herwegh: Werke und Briefe. Kritische und kommentierte Gesamtausgabe. Hrsg. von Ingrid Pepperle. Band 1), S. 249f. und S. 800f.
  • Christian Petzet: Die Blütezeit der deutschen politischen Lyrik von 1840 bis 1850. Ein Beitrag zur deutschen Literatur- und Nationalgeschichte. München 1902, S. 156.

Weiterführende Literatur
  • Irmgard Scheitler: "Unserer Heimat treu ergeben". Patriotismus und Deutschlandbilder im DDR-Lied; in: Dieter Heimböckel und Uwe Werlein (Hrsg.): Der Bildhunger der Literatur. Festschrift für Gunter E. Grimm. Würzburg: Königshausen und Neumann 2005, S. 293–313, Zitat S. 299.
  • Sozialdemokratischer Parteitag. In: Augsburger Abendzeitung 1892, Nr. 176, 26. Juni. – Zit. nach dem Reprint in: Geschichte Bayerns im Industriezeitalter in Texten und Bildern. Hrsg. von Bernward Deneke. Stuttgart: Theiss 1987, S. 197–199, hier S. 197 (Der erste Parteitag der bayerischen SPD).


Quellenübersicht
  • Ungedruckte Quellen: keine Aufzeichnungen aus mündlicher Überlieferung
  • Gedruckte Quellen: vereinzelt auf Flugschriften, verschiedentlich in Gebrauchsliederbüchern (20. Jahrhundert
  • Bild-Quellen: —
  • Tondokumente: selten auf Tonträgern (s. Diskographie)
Berücksichtigt werden hier primär Quellen, die im Deutschen Volksliedarchiv (DVA) erschlossen sind. Hinsichtlich der Tonträger wurden auch die Bestände des Deutschen Musikarchivs (Leipzig) miteinbezogen.



Eckhard John: Frisch auf, mein Volk, mit Trommelschlag (2013). In: Populäre und traditionelle Lieder. Historisch-kritisches Liederlexikon. URL: <http://www.liederlexikon.de/lieder/frisch_auf_mein_volk_mit_trommelschlag/>.


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last modified 31.12.2013 04:43
 

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