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Liederlexikon

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Es lebe hoch, es lebe hoch, der Zimmermannsgeselle


Unter den im "Mildheimischen Liederbuch" (1799) enthaltenen Ständeliedern findet sich auch "Es lebe hoch, es lebe hoch, der Zimmermannsgeselle", das jedoch keine breitere Rezeption erfahren hat. Bekannt hingegen wurde die Melodie des Liedes: auf sie schrieb August Zarnack das Liebeslied "O Tannenbaum, o Tannenbaum, wie treu sind deine Blätter" (erschienen 1820), das wiederum Ernst Anschütz zu einem der populärsten Weihnachtslieder umarbeitete (1824). In der Folge wurde die Melodie auch international adaptiert.

I. Im Erziehungsprogramm des Volksaufklärers Rudolph Zacharias Becker (1752–1822) nahm das Singen eine zentrale Rolle ein. Mehr als ein Jahrzehnt bereitete er (etwa durch ein Preisausschreiben) eine Publikation von Liedern vor, die "gute moralische Empfindungen erwecken oder befördern" sollten. Ergebnis war das 1799 erschienene "Mildheimische Liederbuch von 518 lustigen und ernsthaften Gesängen über alle Dinge in der Welt und alle Umstände des menschlichen Lebens, die man besingen kann" (mit separatem Melodienband), das in den folgenden Jahrzehnten mehrfach aufgelegt wurde. Unter einer eigenen Rubrik enthält es eine Reihe so genannter Ständelieder. Die sie verbindende Idee ist in einem Lied aus der Feder eines gewissen Hoyer, "Werth und Nutzen der verschiedenen Stände" (Nr. 370), auf den Punkt gebracht: Es endet mit dem Appell, vom Fürsten bis hinab zum Bauern möge ein jeder "mit Treu nach seiner Pflicht" zum Wohle des Gesellschaftsganzen beitragen.

II. Im Lied "Werth und Nutzen der verschiedenen Stände" kommt auch "Der Zimmermann" zu Wort. In der 12. Strophe darf er berufsstolz verkünden: "Daß ihr, wie Wilde sonst, / nicht mehr in Höhlen euch verstecket, / hau ich das Holz zum Hause zu, / das euch bequemlich und in Ruh / vor schlimmen Wetter decket." Der gleiche Gedanke kehrt in "Es lebe hoch, es lebe hoch, der Zimmermannsgeselle" wieder, einem Lied, das von besagter Berufsgruppe bei Richtfesten angestimmt werden sollte (Edition A). Angaben zu Textverfasserschaft oder Herkunft der Melodie fehlen. Offen bleibt damit, ob letztere eigens für dieses Lied im "Mildheimischen Liederbuch" entstanden ist. Ebenso offen muss bleiben, ob das Lied in der von Becker intendierten Form tatsächlich auch gesungen wurde. Nur ein einziger Rezeptionsbeleg ist überliefert: "Es lebe hoch, es lebe hoch, der Zimmermannsgeselle" findet sich im Liedanhang einer 1810 erschienenen Flugschrift mit dem Titel "Des Preiß-Löblichen und Kunstreichen Handwerks der Zimmerleuthe sehr schön abgefaßte Lob- und Ehren-Rede, welche pfleget gehalten zu werden auf den neu-aufgeschlagenen Gebäuden, wann sie den Straus aufstecken" (Edition B).

III. Für seine Sammlung "Deutsche Volkslieder mit Volksweisen für Volksschulen" (1820) schrieb August Zarnack auf die Melodie von "Es lebe hoch, es lebe hoch, der Zimmermannsgeselle" mit "O Tannenbaum, o Tannenbaum, wie treu sind deine Blätter" einen neuen Liedtext. Dieses bis ins frühe 20. Jahrhundert vor allem in studentischen Kreisen beliebte Liebeslied arbeitete Ernst Anschütz wenig später für sein "Musikalisches Schulgesangbuch" (1824) unter Beibehaltung der ersten Textstrophe in das heute noch viel gesungene Weihnachtslied um. Die Popularität beider "Tannenbaum"-Lieder manifestiert sich in zahlreichen deutschsprachigen Parodien. Aber auch international wurde die Melodie adaptiert. Am bekanntesten sind das amerikanische Bürgerkriegslied "Maryland, My Maryland" (heute "State Song" des US-Bundestaates Maryland) sowie das Ende des 19. Jahrhunderts entstandene Arbeiterlied "The Red Flag" (das u.a. Parteihymne der britischen Labour Party wurde).

TOBIAS WIDMAIER
(März 2008)



Weiterführende Literatur

  • Gottfried Weissert: Das Mildheimische Liederbuch. Studien zur volkspädagogischen Literatur der Aufklärung. Tübingen 1966 (Volksleben 15).


Quellenübersicht

  • Ungedruckte Quellen: keine Aufzeichnungen aus mündlicher Überlieferung
  • Gedruckte Quellen: singulär in Gebrauchsliederbüchern (nur "Mildheimisches Liederbuch" 1799 und Folgeauflagen), singulär in Flugschrift
  • Bild-Quellen: —
  • Tondokumente: —
Berücksichtigt werden hier primär Quellen, die im Deutschen Volksliedarchiv (DVA) erschlossen sind. Hinsichtlich der Tonträger wurden auch die Bestände des Deutschen Musikarchivs (Leipzig) miteinbezogen.



Zitiervorschlag
Tobias Widmaier: Es lebe hoch, es lebe hoch, der Zimmermannsgeselle (2008). In: Populäre und traditionelle Lieder. Historisch-kritisches Liederlexikon. URL: <http://www.liederlexikon.de/lieder/es_lebe_hoch_es_lebe_hoch_der_zimmermannsgeselle/>.


© Deutsches Volksliedarchiv
last modified 12.09.2012 11:46
 

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