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Es geht ein dunkle Wolk herein


Das Lied "Es geht ein dunkle Wolk herein" war im Lauf seiner Tradierung starken textlichen Transformationen unterworfen. Von den 13 Strophen eines Flugschriftenliedes aus dem Jahr 1630, dem das Motiv des von ihrem Liebhaber verlassenen Mädchens zugrunde liegt, gelangt der Liedforschung des 19. Jahrhunderts nur die erste Strophe zur Kenntnis. Diese sowie die überlieferte Melodie bilden die Grundlage eines zuerst 1910 im "Zupfgeigenhansl" veröffentlichten Abschiedsliedes, dessen schwermütiger Ton dazu führt, dass die in ihm besungene "dunkle Wolk" im 20. Jahrhundert mit existentiellen Bedrohungen unterschiedlicher Art konnotiert wird (Gaskrieg, Wettrüsten, Atomunfall).

I. Eine 1630, möglicherweise in Linz gedruckte Flugschrift mit dem Titel "Drey schöne newe vnd kurtzweilige Lieder / von einem Schnitter in die Erndte erdacht" (Reproduktion des illustrierten Titelblatts s. Commenda 1961) ist die bislang einzige bekannte Quelle, die den Text von "Es geht eine dunkle Wolk herein" in seiner ursprünglichen Form enthält (Incipit "Es geht ein dunckels Wölcklein herein"). Gemein hat das heutige mit dem älteren Lied (Edition A) nur die erste Strophe. In den Mund gelegt ist das Flugschriftenlied unbekannter Urheberschaft einem "jungen Schnitter" (Str. 13), der während eines Umtrunkes in der Erntezeit davon singt, wie ein Bauernbursche Einlass in das "Schlaffkämmerlein" eines "Maydtlein[s]" namens "Annelein" begehrt und erhält (Str. 6). Er verspricht ihr die Heirat, verlässt sie aber alsbald schon wieder. Auf ihre Vorhaltungen, sie sei nun vielleicht schwanger, gibt er ihr zum Abschied zehn Taler ("nimm hin wol für dein Ehre / die du verschlafen hast"). Die Bedeutung der Eingangstrophe des Liedes erschließt sich vor dem Hintergrund der besungenen Geschichte. Der Bauernbursche ist es, der hier während der Feldarbeit am Himmel eine dunkle Wolke herein ziehen sieht, und durch den Kopf geht ihm dabei nur eines: "Ja regnet es sehr / so werden wir naß / bey meinem Buhlen wer [wäre] mir wohl baß [besser]" (Str. 2). Bekannt war dieses Lied mit dem Motiv des von ihrem Liebhaber verlassenen Mädchens schon weit vor 1630. So integrierte Wolfgang Schmeltzl (1500/05–um 1564) dessen erste Strophe ("Es gêt ein finsters wolcken herein") in ein Quodlibet (1544, ed. Eitner 1876). Die von Schmeltzl verwendete Melodie ist in modifizierter Form noch durch eine andere Quelle überliefert: Enthalten sind Singweise und erste Strophe des Liedes auch in dem umfangreichen handschriftlichen Melodienkatalog "Rhitmorum varietas" (1646), den der Benediktinerpater Johannes Werlin (1588–1666) im ehemaligen Kloster Seeon (Chiemsee) anlegte.

II. Für den Zeitraum zwischen Mitte des 17. und Anfang des 19. Jahrhunderts ist das Lied "Es geht ein dunkle Wolk herein" quellenmäßig nicht belegt. Zumindest mündlich wurde es aber tradiert, wie dies eine 1825 im böhmischen Egerland erfolgte Aufzeichnung des – im Prozess der Überlieferung freilich stark korrumpierten – Textes zeigt (Edition B). Der Liedforschung des 19. Jahrhunderts blieb dieser (1901 aus dem Manuskript veröffentlichte) Rezeptionsbeleg ebenso unbekannt wie der vollständige Text des ursprünglichen Liedes (die Flugschrift von 1630 wurde erst Mitte des 20. Jahrhunderts wiederentdeckt). Unter Bezug auf Schmeltzl (1544) und Werlin (1646) präsentierte Franz Magnus Böhme das Lied in seinem "Altdeutschen Liederbuch" (1877) sowie im "Deutschen Liederhort" (Erk/Böhme 1894) mit jeweils nur einer Strophe.

III. Dem "Deutschen Liederhort" entnahm die Wandervogel-Bewegung viele ihrer Lieder. Bearbeitende Eingriffe waren dabei nicht selten: So konstruierte Hans Breuer für seinen "Zupfgeigenhansl" aus dem Werlin-Beleg durch Hinzufügung einer Strophe aus einem älteren Handwerksburschenlied, in der das Wolken-Motiv wiederkehrt (Erk/Böhme Nr. 769a), eine neue, zunächst zweistrophige Fassung von "Es geht ein dunkle Wolk herein" (2. Auflage 1910), die er im Anschluss noch um eine Mittelstrophe erweiterte (4. Auflage 1911; Edition C). Dieses von Schwermut durchzogene Abschiedslied fand große Verbreitung und ist bis in die Gegenwart in zahlreichen Gebrauchsliederbüchern veröffentlicht worden. Dabei bestimmte die falsche Herkunftsangabe "Aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges" (s. "Zupfgeigenhansl") die Folgerezeption des Liedes in gewisser Weise mit: Die besungene "dunkle Wolke" fasste man vielfach nicht als Wettererscheinung, sondern als bildhafte Umschreibung existentieller Bedrohungen auf (Edition E mit Anmerkung).

IV. Entsprechende Konnotationen treten in Kontrafakturen des Liedes offen zutage. So wurde "Es geht ein dunkle Wolk herein" während des Ersten Weltkrieges von Erwin Wolfgang Koch, einem Militärarzt, in ein "Gaskampflied" umgedichtet (Edition D). Mehrere politische Kontrafakturen entstanden in den frühen 1980er Jahren. Ein Protestlied gegen die von der Reagan-Administration forcierte Stationierung von Atomraketen in Deutschland beginnt etwa mit folgender Strophe: "es geht ein dunkle wolk herein, / mir scheint, die könnt von Reagan sein. / Mir scheint, ein bombenregen / könnt falln auf uns herab" (Keim 1981). Häufiger wurde die "dunkle Wolk" jedoch mit den Gefahren der Atomkraft in Zusammenhang gebracht. In der Anti-KKW-Bewegung entstanden mehrere Lieder, die "Es geht ein dunkle Wolk herein" parodieren: "Es geht eine dunkle Wolke herein / Hüllt alles in Plutonium ein / Schon viele Kinder starben / An einer Leukämie" (Kühn 1982).

FRAUKE SCHMITZ-GROPENGIESSER
Quellenrecherche: JOHANNA ZIEMANN
(Februar 2013)



Editionen und Referenzwerke
  • Erk/Böhme 1894, Bd. 2, S. 573 (Nr. 769b).
  • Böhme, Altdeutsches Liederbuch 1877, S. 290f. (Nr. 207).
  • Robert Eitner: Das deutsche Lied des XV. und XVI. Jahrhunderts in Wort, Melodie und mehrstimmigem Tonsatz. Bd. 1. Berlin 1876, S. 38–48 (Quodlibet Wolfgang Schmeltzls von 1544; S. 43f. Liedstrophe "Es gêt ein finsters wolcken herein" im Diskant).

Weiterführende Literatur
  • Peter Kühn: Natürlich auch die List. Wiesenbach 1982, S. 38 ("Dunkle Wolke").
  • Michael Keim: [Leserzuschrift mit Liedtext]. In: Eiserne Lerche. Hefte für eine demokratische Musikkultur 1981, H. 3, S. 31.
  • Hans Commenda: Weltliche Flugblattlieder des 17. Jahrhunderts. Ein neuer Fund aus Linz an der Donau. In: Jahrbuch des Österreichischen Volksliedwerkes 10 (1961), S. 3–20 u. Abbildungsteil.


Quellenübersicht
  • Ungedruckte Quellen: kaum Aufzeichnungen aus mündlicher Überlieferung
  • Gedruckte Quellen: vereinzelt auf Flugschriften, sehr häufig in Gebrauchsliederbüchern, etliche sonstige Rezeptionsbelege
  • Bild-Quellen: —
  • Tondokumente: häufig auf Tonträger
Berücksichtigt werden hier primär Quellen, die im Deutschen Volksliedarchiv (DVA) erschlossen sind. Hinsichtlich der Tonträger wurden auch die Bestände des Deutschen Musikarchivs (Leipzig) miteinbezogen.



Zitiervorschlag
Frauke Schmitz-Gropengiesser: Es geht ein dunkle Wolk herein (2013). In: Populäre und traditionelle Lieder. Historisch-kritisches Liederlexikon. URL: <http://www.liederlexikon.de/lieder/es_geht_ein_dunkle_wolk_herein/>.


© Deutsches Volksliedarchiv
last modified 31.12.2013 04:41
 

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