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Ein Schmerzensruf durchdringet Rußlands Reiche


Die Moritat "Ein Schmerzensruf durchdringet Rußlands Reiche" war bis in die 1930er Jahre unter Russlanddeutschen aus der Wolgaregion ein weit verbreitetes und beliebtes Lied. Gegenstand des Ereignisliedes ist ein Mord, der im Jahr 1856 in der wolgadeutschen Siedlung "Kolonie Holstein" verübt worden sein soll. Es liegen mehrere variierende Textfassungen vor, die alle zwischen 1900 und 1937 aufgezeichnet wurden. In unterschiedlichen Siedlungen bzw. von unterschiedlichen Sängern wurden jeweils andere Melodien zum Liedtext gesungen.

I. Über die Entstehung des Liedes ist nichts exaktes verbrieft. Vermutlich wurde es kurz nach der Mordtat verfasst und verbreitete sich dann nach und nach in den Wolgakolonien. Publiziert wurde es erstmals 1914, in der wolgadeutschen Liedsammlung von Johannes Erbes und Peter Sinner (Edition A). Als Melodievorlage ist dort die Melodie von "Heinrich schlief bei seiner Neuvermählten" genannt, einer Ballade, die sich damals unter den Wolgadeutschen großer Beliebtheit erfreute. Die Dichtung des Textes wird Michael Frank zugeschrieben (Erbes/Sinner 1914). Frank stammte aus der wolgadeutschen Siedlung Dönhoff und war bis 1848 als Kreisschreiber in der Kolonie Holstein tätig, wo er auch nach der Niederlegung dieses Amtes weiterhin gelebt hat. In Holstein soll sich auch die Mordgeschichte zugetragen haben. Ein Ereignis, das die Gemüter erregt, ein Dorfdichter, der es in Verse fasst, die auf eine geläufige Melodie gesungen werden können: das klingt nach einer plausiblen Entstehungsgeschichte, ist aber letztlich nicht mehr belegbar.

II. Der Liedtext handelt von der Mordtat eines Wolgadeutschen. Im Wald erdrosselt ein Kolonist seine schwangere Frau und wird dabei zufällig beobachtet. Die Tat wird angezeigt und der Mann nach Sibirien verbannt. Zuvor soll er schon sein erstes Kind in der Wiege umgebracht haben. Seine Mutter wird bezichtigt, die Anstifterin zu den Taten gewesen zu sein. Im Lied werden weder Zeitangaben gemacht noch Orts- oder Personennamen genannt. Lediglich in dem Kommentar zur Edition von Erbes und Sinner findet sich die Information, die Tat habe sich "1856" ereignet und der Täter sei der "junge Kolonist Jung" aus der "Kolonie Holstein" gewesen.

III. Über die Rezeption des Liedes bis zu seiner ersten Publikation als "Volkslied" im Jahr 1914 und seinen ursprünglichen Text lässt sich nur spekulieren. Einzelne erhaltene Zusatzstrophen deuten darauf hin, dass es zunächst umfangreicher gewesen sein mag als die von Erbes und Sinner veröffentliche Fassung. In einer dieser Zusatzstrophen wird der Mord am ersten Kind besungen (Edition D). Zwei weitere Strophen handeln von der Mittäterschaft der Mutter und werden von Erbes und Sinner lediglich im Anmerkungsteil ihrer Edition erwähnt (Edition A). Um die Zeit seiner ersten Veröffentlichung, rund 60 Jahre nach der vermutlichen Entstehung, ist "Ein Schmerzensruf" in allen Wolgakolonien ein ebenso bekanntes wie beliebtes, aber – laut Erbes und Sinner – auch sehr "zersungenes" Lied. In ihrer Edition haben die Herausgeber ganz offenbar versucht, aus den unterschiedlichen ihnen vorliegenden Textvarianten eine in sich stimmige Fassung zu kreieren, deren Publikation die weitere Textüberlieferung vermutlich stabilisiert hat. Textliche Abweichungen in den weiteren Liedbelegen sind minimal und verändern den Inhalt nicht wesentlich: da wird z. B. aus "dringt es hin" ein "klingt es hin". Andere Varianten sind offensichtliche "Verhörer" oder "Vergesser", die etwas sinnentstellend wieder mit Text aufgefüllt wurden (z. B. "O, schlauvoller Wert", Edition C). Ein Beleg aus dem Jahr 1937 veranschaulicht, dass das Lied von wolgadeutschen Siedlern in die argentinische Emigration mitgenommen und dort noch in den 1930er Jahren präsent war. Die drei Melodiebelege mit jeweils unterschiedlichen Melodieverläufen zeigen, dass "Ein Schmerzensruf" auf ganz unterschiedliche Melodien gesungen wurde, es also regionale Melodievarianten und/oder je nach Sänger individuelle Melodievorlieben gab und diese variabel gestaltet worden sind (Edition B, Edition C). Mit der Zerstörung der traditionellen Lebensweise im Zuge des Stalinismus ist die Moritat vom Familienmord in Holstein offenbar in Vergessenheit geraten.

INGRID BERTLEFF
(Dezember 2009)



Quellenübersicht
  • Ungedruckte Quellen: —
  • Gedruckte Quellen: wenig Belege aus mündlicher Überlieferung
  • Bild-Quellen: —
  • Tondokumente: singuläre Tonaufzeichnung
Berücksichtigt werden hier primär Quellen, die im Deutschen Volksliedarchiv (DVA) erschlossen sind. Hinsichtlich der Tonträger wurden auch die Bestände des Phonogrammarchivs St. Petersburg (IRLI) und des Deutschen Musikarchivs (Leipzig) miteinbezogen.



Zitiervorschlag
Ingrid Bertleff: Ein Schmerzensruf durchdringet Rußlands Reiche (2009). In: Populäre und traditionelle Lieder. Historisch-kritisches Liederlexikon. URL: <http://www.liederlexikon.de/lieder/ein_schmerzensruf_durchdringet_russlands_reiche/>.


© Deutsches Volksliedarchiv
last modified 12.09.2012 11:40
 

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