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Das Manifest der Kaiserin


Das russlanddeutsche Lied über "Das Manifest der Kaiserin" ist ein historisch-politisches Lied, das die Empörung und Enttäuschung der ausgewanderten deutschen Siedler ("Kolonisten") über die gravierenden Veränderungen und Verschlechterungen ihrer Lebensbedingungen im zaristischen Russland um 1875 zum Ausdruck bringt. Es gehört zu den sogenannten "kolonistischen Liedern", also jenen Liedern, die im 19. Jahrhundert in den ländlichen Siedlungen der Russlanddeutschen entstanden sind. In jüngster Zeit findet es verstärkt als ein für die russlanddeutsche Tradition und Identität angeblich besonders charakteristisches "Volkslied" Verwendung.

I. Der Liedinhalt spiegelt einige essentielle Eckpunkte russlanddeutscher Existenz: das Manifest von Katharina II., mit dem sie 1763 die Grundlage für die Einwanderung der deutschen Kolonisten ins russische Zarenreich schuf, die Auswanderung selbst, die Sonderstellung und Privilegien der Kolonisten in der russischen Gesellschaft sowie die traumatischen Erfahrungen in den Jahren 1871–1874, als die Russlanddeutschen ihre bisherigen Rechte einbüssten und sich ihre Lebensbedingungen dadurch massiv veränderten. Den historischen Hintergrund dafür bilden die Reformen unter Zar Alexander II., in deren Vollzug die deutschen Kolonisten mit Gesetz vom 4. Juni 1871 ihre bisherigen Privilegien weitgehend verloren: Die historisch entstandenen Kolonistengesetze und die kolonistische Selbstverwaltung wurden aufgehoben. Besonders einschneidend für die Kolonisten war, dass ihre bisherige Befreiung vom Militärdienst 1874 hinfällig wurde. Insbesondere darauf ist dieses Lied eine Reaktion.

II. Über die Ursprünge des Liedes ist nichts Genaues bekannt. Vermutlich es ist Mitte/Ende der 1870er Jahren entstanden, als unmittelbare Reaktion auf die historischen Ereignisse, und ist mutmaßlich über populäre Medien wie den "Kalender für die deutschen Ansiedler an der Wolga" verbreitet worden. Es war zunächst ein weitgehend generationsgebundenes Lied, das insbesondere den zwischen 1855 bis 1875 Geborenen zuzuordnen ist und das im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts an der Wolga und punktuell auch in Südrussland – also regional begrenzt – verbreitet war (in anderen Siedlungsgebieten der Russlanddeutschen, etwa um St. Petersburg, im Kaukasus oder auf der Krim, dagegen nicht).

III. Die erste bekannte Aufzeichnung stammt aus dem Jahre 1914: Als ein nur noch der älteren Generation bekanntes Lied findet es in verstümmelter Form Eingang in die erste publizierte Sammlung wolgadeutscher "Volkslieder" (Edition A). Wenig später wurde in den deutschen Kriegsgefangenenlagern des Ersten Weltkriegs auch der früheste Melodiebeleg zu diesem Liedtyp aufgezeichnet (Edition B). Doch erst die Feldforschungen des russischen Germanisten Viktor Schirmunski in den Jahren 1924 bis 1931 geben nähere Aufschlüsse über Verbreitung, Melodienvielfalt, weitere Strophen und Varianten dieses Liedes (Edition C und Edition D). Charakteristisch für die weitere Rezeptionsgeschichte ist jedoch, dass die in der Folgezeit publizierten Lieddrucke in der Regel die durch seinerzeitige (Selbst)Zensur um die Hälfte gekürzte Liedfassung (Edition A) übernommen haben und somit eine historische Liedrealität suggerieren, die es so gar nicht gegeben hat.

IV. Nach 1930 verschwindet das Lied zunehmend und ist im Repertoire der Russlanddeutschen über rund 50 Jahre kaum noch zu finden. Erst ab den 1990er Jahren hat es wieder neue Resonanz und verstärkt Eingang in die Publizistik gefunden: als Repräsentant der kollektiven Erinnerung, wobei das vermeintliche "Volkslied" das gegenwärtig verbreitete Selbstbild der Russlanddeutschen als Opfer der Geschichte artikuliert.

ECKHARD JOHN
(März 2006)



Literatur
  • Eckhard John: Russlanddeutsches "Volkslied". Geschichte und Analyse seiner Konstruktion. In: Lied und populäre Kultur / Song and Popular Culture 48 (2003), S. 133–161.


Quellenübersicht
  • Ungedruckte Quellen: wenige Aufzeichnungen aus mündlicher Überlieferung
  • Gedruckte Quellen: relativ selten in Gebrauchsliederbüchern (ausschließlich rußlanddeutscher Provenienz)
  • Bild-Quellen: —
  • Tondokumente: einzelne Tonaufzeichnungen (nur Phonogrammaufnahmen)
Berücksichtigt werden hier primär Quellen, die im Deutschen Volksliedarchiv (DVA) erschlossen sind. Hinsichtlich der Tonträger wurden auch die Bestände des Deutschen Musikarchivs (Leipzig) miteinbezogen.



Zitiervorschlag
Eckhard John: Das Manifest der Kaiserin (2006). In: Populäre und traditionelle Lieder. Historisch-kritisches Liederlexikon. URL: <http://www.liederlexikon.de/lieder/das_manifest_der_kaiserin/>.


© Deutsches Volksliedarchiv
last modified 12.09.2012 11:10
 

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