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Was zieht dort zur Brigittenau


Die Ballade "Was zieht dort zur Brigittenau" ist ein historisches Ereignislied über den Tod Robert Blums. Es wurde als unmittelbare Reaktion auf die Hinrichtung des demokratischen Politikers am 9. November 1848 bei Wien von dem Oldenburger Schriftsteller Adolf Stahr geschrieben. Blum war Abgeordneter der Frankfurter Nationalversammlung und ein charismatischer Redner. Sein Tod löste in ganz Deutschland Empörung aus. Das Lied von Adolf Stahr war damals eines von vielen Liedern, welche die Betroffenheit über die Ermordung von Robert Blum zum Ausdruck brachten. In der Rezeption des 20. Jahrhunderts veränderte sich dies: "Was zieht dort zur Brigittenau" war – nachdem es um 1960 in der DDR wieder in Umlauf gebracht wurde – das einzige prominente Blum-Lied im Repertoire von Liedermachern und Folkgruppen der Bundesrepublik ab den 1970er Jahren.

I. Die Entstehung des Liedes ist direkt mit dem historischen Verlauf der Ereignisse verknüpft: Blum war im Oktober 1848 mit einer Delegation demokratischer Abgeordneter der Frankfurter Nationalversammlung nach Wien gereist, um den dortigen Aufständischen eine Grußadresse zu überbringen. Der Wiener Oktoberaufstand war die letzte Erhebung der österreichischen Revolution 1848. Beeindruckt vom revolutionären Elan der Wiener beteiligte sich Blum aktiv an der militärischen Verteidigung der von kaiserlichen Truppen belagerten Stadt. Nach der Erstürmung Wiens durch die konterrevolutionären Truppen wurde Blum am 4. November verhaftet und – trotz seiner Immunität als Abgeordneter – fünf Tage später in der Brigittenau bei Wien hingerichtet. Die Erschießung Robert Blums rief in Deutschland eine Welle großer Entrüstung hervor und im ganzen Land fanden zahlreiche Trauerfeiern statt. In Hinblick auf die Totenfeier in Bremen am 19. November 1848 (Abb. 1) verfasste der Oldenburger Autor Adolf Stahr (1804–1876) den Text "Was zieht dort zur Brigittenau" zur Melodie des damals populären Liedes "Schier dreißig Jahre bist du alt" (Edition A). Der in Prenzlau geborene Stahr, promovierter Literaturhistoriker und seit 1836 Konrektor und Professor am Gymnasium in Oldenburg, war ein thematisch vielfältig engagierter Publizist und eng mit dem literarischen und politischen Leben seiner Zeit verbunden. Sein Brigittenau-Lied erschien erstmals am Samstag, den 18. November 1848, dem Vortag der Gedächtnisfeier für Robert Blum, in der "Bremer Zeitung". Zugleich ließ Stahr sein "Lied von Robert Blum" anlässlich der Totenfeier als Flugschrift drucken, um damit die deutschlandweite Spendenaktion für Blums Familie zu unterstützen.

II. Stahrs Lied "Was zieht dort zur Brigittenau" ist ein balladenhafter Bericht von Blums Hinrichtung. Dabei erscheint der demokratische Politiker als "Fahnenträger der Freiheit", der ungeachtet seiner parlamentarischen Immunität ("trotz Recht und Reichsgesetz") verurteilt wird. Der dafür Verantwortliche wird als "Mörder Windisch-Grätz" bezeichnet – eine unmissverständliche Charakterisierung des Oberkommandierenden der kaiserlichen Truppen, Alfred Fürst zu Windisch-Grätz, die nicht nur auf die Ermordung Blums, sondern auch auf die immense Zahl der Opfer nach dem Fall Wiens anspielte. Der Liedtext erzählt, wie Blum zum Richtplatz in die Brigittenau geführt und dort schließlich vom kaiserlichen Militär erschossen wird. Dabei erscheint er gleichermaßen als liebevoller Ehemann und Vater, der den Verlust und das Schicksal seiner zurückbleibenden Familie beweint, wie als aufrechter "Held" der politischen Freiheitsbewegung. Mit seinem Tod wird Blum zum Märtyrer erklärt, das Andenken an ihn zur Aufforderung, den politischen Kampf für ein freies Deutschland fortzuführen. Die zu diesem Text gedachte Melodie war durch Karl von Holteis Singspiel "Leonore" (1827/28) als sogenanntes "Mantel-Lied" ("Schier dreißig Jahre bin ich alt") immens bekannt geworden. Ursprünglich stammt diese Melodie jedoch von der traditionellen Ballade "Es waren einmal drei Reiter gefangen" (Erk/Böhme Nr. 65d). Das ist insofern bemerkenswert, als darin ebenfalls Gefangenschaft und bevorstehender Tod thematisiert werden. Dass Stahr neben dem populären Lied von Holtei auch den Text der Ballade von den gefangenen Reitern im Ohr hatte, scheint naheliegend, ist aber nicht verbürgt. Doch unabhängig davon, ob vom Autor intendiert oder nicht, ist dies für die Rezeption des Liedes ein wichtiges Faktum, denn diese Melodie nutzte somit nicht nur die Popularität einer zeitgenössischen Lustspiel-Nummer, sondern war zugleich auch mit dem Assoziationsfeld jener traditionellen Ballade verwoben.

III. "Was zieht dort zur Brigittenau" erlangte in den Revolutionsjahren eine gewisse Bekanntheit. So erschien noch 1848 eine anonyme Bearbeitung des Textes, die ebenfalls in einem Flugschriftendruck verbreitet wurde (Edition B). Hier ist die Strophenstruktur von fünf Versen zu Vierzeilern verändert, so dass diese Textversion nicht zu der "Mantel-Lied"-Melodie gesungen werden konnte. Im Allgemeinen scheint jedoch das Brigittenau-Lied zu der von Stahr intendierten Weise benutzt worden zu sein, wie Hinweise zur Liedrezeption in den 1850er Jahren nahelegen (Heeger 1938). Diese Quellen aus der Pfalz – Heeger nennt Belege aus Ingenheim und Stockborn (1853) sowie Herschweiler-Pettersheim und Ilbesheim (1857) – illustrieren zudem, dass das Brigittenau-Lied damals über den Bremer und Oldenburger Raum hinaus überregionale Verbreitung gefunden hat. Ab den 1860er Jahren verlieren sich jedoch die Spuren dieses Liedes. In den folgenden Jahrzehnten wurde stattdessen ein anderes Robert Blum-Lied zum populären Erinnerungsträger (s. "Leute höret die Geschichte")

IV. Das Brigittenau-Lied wurde erst nach dem Zweiten Weltkrieg wieder reaktiviert. Im Zuge der DDR-sozialistischen Traditionsstiftung, die auch die demokratische Bewegung von 1848 als revolutionäres Erbe einschloss, wurde das Lied in der DDR wieder in Umlauf gebracht. 1958 erschien es im Liederbuch der FDJ (Edition C), fand dort auch in den verschiedenen weiteren Auflagen bis in die 1970er Jahre Berücksichtigung, hat darüber hinaus jedoch kaum erkennbare Spuren im Musikleben der DDR hinterlassen. Anders in der Bundesrepublik: durch Schallplattenaufnahmen von Hein und Oss Kröher (1974) und der Folkrockgruppe "Ougenweide" (1978) wurde "Was zieht dort zur Brigittenau" ein relativ bekanntes Lied im damals wiederentdeckten Repertoire der historischen demokratischen Lieder. In der Aufnahme von Hein & Oss wird es im Duktus eines Militärmarsches gespielt. Zugleich nimmt dieses Arrangement entsprechende Traditionen der klassenkämpferischen Arbeitermusik auf, an die damals verschiedene Liedermacher und Folksänger anknüpfen wollten. Inhaltlich konnte im damaligen Kontext eine Aussage wie "O mein Deutschland, für das ich gestritten, für das ich im Leben gelitten, verlaß die Freiheit nicht!" wiederum als Anspielungen auf den Radikalenerlass von 1972 oder andere politische Einschränkungen der Nach-APO-Zeit gedeutet werden. Eher historisch orientiert ist die balladenhafte Interpretation von "Ougenweide": die Folkrockstilistik der Gruppe tritt hier zurück zugunsten einer Drehleierdominierten Begleitung, wobei eine dissonante Harmonik am Ende jeder Strophe das Unharmonische der Geschichte von Robert Blum unterstreicht. Parallel zu diesen beiden Aufnahmen erschien "Was zieht dort zur Brigittenau" in verschiedenen Liederbüchern und Anthologien, ausgehend von dem 1977 publizierten Liederbuch der Kröher-Zwillinge "Das sind unsere Lieder" (Edition D). Seit den 1970er Jahren ist das Brigittenau-Lied das zentrale Lied des Robert Blum-Gedenkens im Kontext der 1848er Rezeption, andere Blum-Lieder spielen demgegenüber keine nennenswerte Rolle. So wurde "Was zieht dort zur Brigittenau" auch anlässlich des 150. Jubiläums der 1848er Revolution im Jahr 1998 von verschiedenen Interpreten neu eingespielt, unter anderem von der Leipziger Folk Session Band.

DAVID ROBB
ECKHARD JOHN
Quellenrecherche: Johanna Ziemann
(August 2011)



Editionen und Referenzwerke
Weiterführende Literatur
  • Peter Hackmann: Adolf Stahr und das Oldenburger Theater. Ein Beitrag zur Literatur- und Theaterkritik in der Epoche des "Jungen Deutschland". Oldenburg 1974.
  • Fritz Heeger: Geschichtliche Lieder im pfälzischen Volksmund. Aus der pfälzischen Volksliedersammlung von Georg Heeger und Wilhelm Wüst. Kaiserslautern 1938. Sonderdruck aus: Saarpfälzische Abhandlungen zur Landes- und Volksforschung Bd. 2, Lieferung 1 (zum Brigittenau-Lied: S. 31f.).


Quellenübersicht
  • Ungedruckte Quellen: kaum Aufzeichnungen aus mündlicher Überlieferung
  • Gedruckte Quellen: vereinzelt auf Flugschriften, selten in Gebrauchsliederbüchern (nach 1945)
  • Bild-Quellen: —
  • Tondokumente: selten auf Tonträgern  (s. Diskographie)
Berücksichtigt werden hier primär Quellen, die im Deutschen Volksliedarchiv (DVA) erschlossen sind. Hinsichtlich der Tonträger wurden auch die Bestände des Deutschen Musikarchivs (Leipzig) miteinbezogen.



Zitiervorschlag
David Robb, Eckhard John: Was zieht dort zur Brigittenau (2011). In: Populäre und traditionelle Lieder. Historisch-kritisches Liederlexikon. URL: <http://www.liederlexikon.de/lieder/was_zieht_dort_zur_brigittenau/>.


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last modified 28.01.2013 11:22
 

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