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O du verratnes Deutschland

(Das Lied vom treuen Robert)

"O du verratnes Deutschland" ist ein politisches Ereignislied, das die Hinrichtung von Robert Blum am 9. November 1848 in Wien zum Thema hat. Der Tod des demokratischen Abgeordneten der Frankfurter Nationalversammlung löste eine Welle der Empörung im ganzen Land aus. Das "Lied vom treuen Robert" wurde von Karl Biedermann verfasst, der ebenfalls Abgeordneter in der Paulskirche war. Es ist eines der vielen Lieder, die damals zu Blums Ehren geschrieben wurden, und an der Geschichte seiner Rezeption lässt sich beispielhaft ablesen, wie solche zeitkritischen Texte seinerzeit Repressalien hervorriefen. Angesichts des politischen Klimas in den Jahren nach der Revolution 1848/49 verlieren sich die Spuren dieses Liedes rasch. Es zählt zum Korpus jener 1848er-Lieder, die in der Folgezeit (auch im 20. Jahrhundert) nur vereinzelt erwähnt, aber nicht mehr nennenswert rezipiert wurden.

I. Den Liedtext "O du verratnes Deutschland" hat der Politiker und Staatswissenschaftler Karl Friedrich Biedermann (1812–1901) im November 1848 geschrieben, vermutlich kurz nach der Hinrichtung Blums am 9. November. Die Verse waren zur Melodie des Andreas Hofer-Liedes "Zu Mantua in Banden" gedacht und wurden als Flugschrift mit dem Titel "Das Lied vom treuen Robert" in Leipzig veröffentlicht (Edition A). Der Autor Karl Biedermann lehrte seit 1838 als Professor an der Universität Leipzig und hatte aufgrund seines liberalen Engagements bereits in den 1840er Jahren unangenehme Erfahrungen mit den Zensurbehörden machen müssen, darunter 1847 eine Anklage wegen Majestätsbeleidigung. Der streitbare liberale Politiker gehörte 1848/49 als sächsischer Abgeordneter der Frankfurter Nationalversammlung an. Sein politisches Ansehen lässt sich daran ablesen, dass Biedermann seit Juni 1848 als Schriftführer des Parlaments fungierte und im Mai 1849 zum ersten Vizepräsidenten des Parlaments gewählt wurde. Sein "Lied vom treuen Robert" spiegelt die Empörung der liberalen und demokratischen Kreise über die Ermordung und Missachtung der Immunität Blums durch das konterrevolutionäre österreichische Militär. Biedermann veröffentlichte das Lied unter seinem Pseudonym "Carl Friedrich" und wählte dafür mit dem Verlag von C. W. B. Naumburg einen besonderen Publikationsort: denn dieser Verleger hatte 1845 das von Robert Blum zusammengestellte, oppositionelle "Gebet- und Gesangbuch für deutsch-katholische Christen" (2. Aufl. 1847) herausgebracht; und er veröffentlichte 1848 neben verschiedenen Revolutionsgedichten auch das "Republikanische Liederbuch" von Hermann Rollett (2. Aufl. 1848).

II. Biedermanns "Lied von treuen Robert" feiert Robert Blum als einen Helden, der wie kein anderer für die Freiheit seines deutschen Vaterlandes gekämpft habe und wegen "Oesterreichs Verrath" an der Revolution sein Leben lassen musste. Während Blum als treuer Patriot "für Recht und Licht" einstand, wird der für seinen Tod verantwortliche Handlanger der österreichischen Konterrevolution als "finstrer Windisch-Grätz" abgekanzelt. Zugleich verknüpfen die Verse Biedermanns die Hinrichtung Blums mit der Niederwerfung des revolutionären Wiens ("des deutschen Landes Rose") auch auf der poetischen Ebene durch ein Wortspiel mit "Blum" und "verblühen". Das Rot der Rose wird dabei zur Farbe der von Blut getränkten Donau. Eine weitere Bedeutungsebene erhält der Text durch die ihm zugeordnete Melodie des Andreas Hofer-Liedes "Zu Mantua in Banden": denn die Hinrichtung von Robert Blum wird dadurch in Analogie zur Erschießung von Hofer im Jahr 1810 gebracht, sein Tod als Freiheitskämpfer erfährt somit eine Sinnstiftung mit historischer Dimension. Auch im Liedtext nimmt Biedermann in pointierter Weise Bezug auf das 1831 verfasste Lied auf Hofer, den Anführer der Tiroler Erhebung gegen die napoleonische Herrschaft: das Liedincipit "O du verratnes Deutschland" greift die Formulierung vom "verratnen deutschen Reich" in "Zu Mantua in Banden" ebenso auf wie der abschließende Vers, der den Abschied des verurteilten Helden von seiner geliebten Heimat zum Ausdruck bringt: aus der Zeile "Ade mein Land Tirol!" wird im Blum-Lied "Ade, du deutsches Land!"

III. In den Revolutionsjahren 1848/49 fand das "Lied vom treuen Robert" vor allem im Raum Anhalt und Sachsen Verbreitung. Sogar unter Schulkindern war es damals bekannt, wie ein aus Chemnitz überliefertes Beispiel zeigt. Die disziplinarrechtliche Untersuchung dieses Falles (s. IV.) veranschaulicht zugleich die Verbreitungswege des Liedes und dokumentiert, dass damals die wichtigsten Faktoren bei dessen Popularisierung Flugschriftendrucke und davon gefertigte Abschriften waren. Erhalten haben sich – neben dem Leipziger Originaldruck (Edition A) – noch ein weiterer, in Neustadt-Magdeburg bei Schnurre & Lindemann publizierter Flugschriftendruck ("Vier Lieder") sowie zwei Abschriften in handschriftlichen Liederbüchern aus Bockwen (bei Meißen) und aus Dessau (Edition B). Einen weiteren Nachdruck des "Lied vom treuen Robert" enthielt die in Dresden herausgebrachte Publikation "Das ewigdenkwürdige Jahr 1848", welche Johann Gottfried Zschaler dort 1849 als "Gedenkbuch für das deutsche Volk" veröffentlichte. Den damaligen Stellenwert des Liedes zeigt auch seine Verwendung bei der 1849 in Chemnitz abgehaltenen Totenfeier für den sächsischen Abgeordneten Wilhelm Adolph von Trützschler (1818–1849). Der Jurist war im Mai 1848 ebenfalls zum Abgeordneten der Frankfurter Nationalversammlung gewählt worden. Ab Mai 1849 beteiligte sich von Trützschler an der badischen Revolutionsregierung, wurde nach deren Niederschlagung durch ein Standgericht zum Tode verurteilt und am 14. August in Mannheim erschossen. Zum Andenken für den beliebten sächsischen Politiker veranstaltete der demokratische "Leseverein" in Chemnitz am 23. August 1849 eine Totenfeier, bei der zu Beginn das "Lied vom treuen Robert" angestimmt worden ist (Strauss 1960).

IV. Chemnitz war 1849 auch der Schauplatz eines Disziplinarverfahrens gegen Lehrer der dortigen Bürgerschule, denen Sympathien für die "neuesten revolutionären Bewegungen im Land" vorgeworfen wurde. Die namentlich gegen sieben Lehrer gerichtete Anzeige datiert vom 12. Juni 1849 und machte insbesondere geltend, sie hätten "sogenannte Freiheitslieder, z. B. das Lied vom treuen Robert (Blum) in der Schule singen gelehrt oder auswendig singen lassen" (Willert 1960). Das Ergebnis sei, dass es nun "Knaben und Mädchen beim Ausgang aus der Schule, besonders Abends häufig sangen und es noch überall singen" (Steinitz 1962). Dieses "gegen Herrn Diacon Zimmermann und Genossen allhier angeordnete Disziplinar-Verfahren" der "Kirchen-Inspection zu Chemnitz" zog sich bis ins Jahr 1850 hin. In seinem Verlauf wurden alle betroffenen Lehrer und Schüler verhört, ein Lehrer wurde sogar zu einer polizeilichen Vernehmung vorgeladen. Im Ergebnis stellte sich aber heraus, dass die Kinder das Lied außerhalb der Schule kennengelernt hatten: und zwar durch Flugschriftendrucke, die sie teils gekauft teils abgeschrieben haben. Daneben zeigt die Befragung, dass die meisten Kinder, die damals zugaben das "Lied vom treuen Robert" zu kennen, aus Handwerkerfamilien stammten. Auch wenn das Verfahren für die betroffenen Lehrer letztlich glimpflich verlief, zeigt dieser Fall deutlich, wie die Mechanismen der politischen Repression schon "im Kleinen" in Gang gesetzt wurden und sei es bei Liedern, die konservativen Kräften als politisch inopportun galten.

V. Das Chemnitzer Disziplinverfahren kann paradigmatisch das nachrevolutionäre Klima politischer Zensur verdeutlichen, das für eine weitere öffentliche Rezeption von Liedern wie das vom "treuen Robert" nicht förderlich war. Dementsprechend spielte das Lied in den Jahrzehnten nach 1850 keine nennenswerte Rolle mehr. Auch sein Autor Karl Friedrich Biedermann nahm es nicht in seine politischen "Erinnerungen aus der Paulskirche" (Leipzig 1849) auf, vielmehr zeigte er darin nunmehr ein deutlich distanzierteres Verhältnis gegenüber Robert Blum als politischer Person. Sein "Lied vom treuen Robert" blieb aber bei der Erlebnisgeneration in Erinnerung: der Lehrer und Volkskundler Alfred Wirth (1875–1965) berichtete beispielsweise 1928 von seinem Vater, einem Schneidermeister in Osternienburg, dieser habe "bis zu seinem Lebensabend unter dem Eindruck der 48er Bewegung gestanden" und ihm dieses Lied oft vorgesungen; dem Sohn Alfred Wirth waren damals aber nur noch die ersten vier Textzeilen im Gedächtnis geblieben (Wirth 1928). Im Zuge der volkskundlichen Recherchen zu anderen Blum-Liedern – wie Leute höret die Geschichte, Was zieht dort zur Brigittenau, oder Nah bei Wien im deutschen Lande – wurde um 1930 auch der Liedtext von "O du verratnes Deutschland" wieder aufgefunden (Schewe 1930 und Steinitz 1962), der Autor und Erstdruck des Liedes blieb jedoch weiterhin unbekannt. Im Kontext der Wiederbelebung von 1848er-Liedern durch die Liedermacher- und Folkszene wurde "O du verratnes Deutschland" nicht wieder aufgegriffen; nur sehr vereinzelt fand der Text seit 1968 Aufnahme in entsprechende Publikationen.

DAVID ROBB
ECKHARD JOHN
Quellenrecherche: Ingrid Bertleff
(November 2012)



Literatur
  • Paul Willert: Ein Disziplinverfahren um das "Freiheitslied vom treuen Robert Blum". In: Volkskunst. Monatsschrift für das künstlerische Volksschaffen 9 (1960), Nr. 7, S. 27–29; Zitat S. 27.
  • H[arry] Sch[ewe]: Ein weiteres Lied auf Robert Blum. In: Jahrbuch für Volksliedforschung 2 (1930), S. 148.

Editionen und Referenzwerke
  • Steinitz 1962, S. 230f. (Nr. 217), sowie S. 202f (zum Disziplinar-Verfahren der Kirchen-Inspection zu Chemnitz 1849).

Weiterführende Literatur
  • Rudolph Strauss: Die Lage und die Bewegung der Chemnitzer Arbeiter in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Berlin. Akademie Verlag 1960, S. 327 (Bericht über "Trützschlers Todtenfeier", aus: "Chemnitzer Bote" 1849, S. 1275).
  • Alfred Wirth: Das Lied von Robert Blum. In: Jahrbuch für Volksliedforschung 1 (1928), S. 170–179, Zitat S. 171.
  • Alfred Wirth: Robert-Blum-Lied; Oberschlesien-Lied. In: Mitteldeutsche Blätter für Volkskunde 2 (1927), Heft 1 (Januar), S. 10.
  • Karl Friedrich Biedermann: Erinnerungen aus der Paulskirche. Leipzig 1849 (zu Robert Blum v. a. S. 395–399).


Quellenübersicht
  • Ungedruckte Quellen: kaum Aufzeichnungen aus mündlicher Überlieferung
  • Gedruckte Quellen: vereinzelt auf Flugschriften, wenig sonstige Rezeptionsbelege
  • Bild-Quellen: —
  • Tondokumente: —
Berücksichtigt werden hier primär Quellen, die im Deutschen Volksliedarchiv (DVA) erschlossen sind. Hinsichtlich der Tonträger wurden auch die Bestände des Deutschen Musikarchivs (Leipzig) miteinbezogen.



Zitiervorschlag
David Robb, Eckhard John: O du verratnes Deutschland (2012). In: Populäre und traditionelle Lieder. Historisch-kritisches Liederlexikon. URL: <http://www.liederlexikon.de/lieder/o_du_verratnes_deutschland/>.


© Deutsches Volksliedarchiv
last modified 25.04.2013 11:48
 

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