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Neunzehnhundertneunzehn [1919] Jahr, in dem Monat Februar


"1919 Jahr, in dem Monat Februar" ist ein historisches Ereignislied aus dem russischen Bürgerkrieg (1917/18–1920). Aus russlanddeutscher Perspektive wird über die Eskalation der Auseinandersetzungen in der Region um Prischib und auf der nahe gelegenen Halbinsel Krim (beides Ukraine) berichtet. In der Prischiber Gegend war dieses Lied noch Mitte der 1920er Jahre Teil des russlanddeutschen Liedrepertoires. Ob es über diesen Zeitraum hinaus tradiert wurde, ist bislang nicht bekannt.

I. Entstanden ist "1919 Jahr, in dem Monat Februar" wahrscheinlich im Anschluss an die Flucht russlanddeutscher Bürger aus dem Prischiber Gebiet in den Süden der Ukraine: Im Frühjahr des Jahres eskalierte der Bürgerkrieg in der Südukraine und etliche Siedler versuchten, sich auf der noch weiter südlich gelegenen Krim vor Armeeinheiten und marodierenden Banden in Sicherheit zu bringen. Der Autor des Liedes ist unbekannt geblieben, gehörte aber offenbar zu den betroffenen Personen. Der erste und bislang singuläre Beleg des 15-strophigen Liedtextes wurde von dem Germanisten Alfred Ström im Sommer 1926 in der russlanddeutschen Siedlung Andreburg, Kreis Molotschnaja (Ukraine), die sich in unmittelbarer Nachbarschaft zur Prischiber Kolonie befindet, aufgezeichnet (Edition A). Informationen zur dazugehörigen Melodie fehlen.

II. Die ersten zwölf Strophen dieses balladenartigen Liedtextes handeln von der Flucht deutschstämmiger Siedler aus dem Kreis Melitopol (zu dem Prischib und die Molotschnaja gehören) auf die Krim und von dort weiter zu einem nächsten, nicht näher benannten Ort während des russischen Bürgerkriegs. Die letzten drei Strophen sind allgemein gehaltene Klagen der Familienangehörigen über die im Krieg Getöteten, wie sie sich in ähnlicher Form als Wanderstrophen in etlichen russlanddeutschen Soldatenliedern finden. In diesem Fall sind sie jedoch wortgetreu dem weit verbreiteten russlanddeutschen Lied aus dem russisch-japanischen Krieg "Wie sieht's aus im Fernen Osten" entlehnt. Der Liedtext von "1919 Jahr, in dem Monat Februar" gibt wohl recht realistisch die Wahrnehmungen und Erlebnisse der flüchtenden Russlanddeutschen aus der Südukraine wieder: die Erfahrung des an Leib und Leben bedroht Seins, welche selbst streng pazifistische Mennonitengemeinschaften dazu brachte, sich zum Selbstschutz mit der Waffe in der Hand zu verteidigen; die überstürzte Flucht in Richtung Süden, zu Freunden und Verwandten auf der Krim und schließlich die fortgesetzte Flucht, nachdem die Lage auch auf der Krim nicht mehr sicher war. Möglich erscheint, dass der Text während dieser zweiten Fluchtphase verfasst wurde, denn an dieser Stelle bricht die Erzählung über ihren weiteren Verlauf ab. Die Rezeption dieses Liedes war vermutlich auf den Kreis der direkt betroffenen Menschen aus der Molotschnaja beschränkt. Nach 1926 verlieren sich seine Spuren.

INGRID BERTLEFF
(September 2010)



Weiterführende Literatur
  • Alfred Eisfeld: Bürgerkrieg in der Ukraine. In: ders. (Hrsg.): Die Russlanddeutschen. 2. erw. und aktualisierte Aufl., München: Langen Müller 1999, S. 91f.


Quellenübersicht
  • Ungedruckte Quellen: Einzelbeleg aus mündlicher Überlieferung
  • Gedruckte Quellen: —
  • Bild-Quellen: —
  • Tondokumente: —
Berücksichtigt werden hier primär Quellen, die im Deutschen Volksliedarchiv (DVA) erschlossen sind. Hinsichtlich der Tonträger wurden auch die Bestände des Phonogrammarchivs St. Petersburg (IRLI) und des Deutschen Musikarchivs (Leipzig) miteinbezogen.



Zitiervorschlag
Ingrid Bertleff: 1919 Jahr, in dem Monat Februar (2010). In: Populäre und traditionelle Lieder. Historisch-kritisches Liederlexikon. URL: <http://www.liederlexikon.de/lieder/neunzehnhundertneunzehn_jahr_im_monat_februar/>.


© Deutsches Volksliedarchiv

last modified 06.03.2017 08:46
 

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