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Jetzt fangen an die Schreckensstunden


"Jetzt fangen an die Schreckensstunden" ist ein wolgadeutsches Soldatenlied, das wahrscheinlich um 1875 von einem anonym gebliebenen Autor verfasst wurde. Im Ersten Weltkrieg zählte es zu den beliebtesten Soldatenliedern der Russlanddeutschen. In seiner regionalen Verbreitung war es weitgehend auf die Wolgaregion begrenzt, gelangte jedoch mit wolgadeutschen Auswanderern auch nach Nordamerika. Der jüngste bislang bekannte Beleg stammt aus dem Jahr 1929.

I. Dieses Soldatenlied entstand wahrscheinlich im Zusammenhang mit der Einführung der allgemeinen Wehrpflicht in Russland unter Zar Alexander II. (1874). Für die Russlanddeutschen bedeutete diese Gesetzesnovelle das Ende ihres Privilegs der Wehrfreiheit. Diese Zäsur spiegelte sich auch im Liedschaffen: in dieser Zeit wurde eine Reihe russlanddeutscher Soldatenlieder geschrieben, welche die Einberufung zum mehrjährigen Wehrdienst und die damit verbundenen Härten zum Gegenstand hatten. Die ältesten bislang bekannten Belege von "Jetzt fangen an die Schreckensstunden" wurden von dem Lehrer und Liedsammler Peter Sinner im Jahr 1909 in der wolgadeutschen Siedlung Schilling aufgezeichnet (Edition A). Dabei dokumentierte Sinner auch seine eigene Erinnerung: ihm war dieses Lied schon im Jahr 1891 vertraut. Gesungen wurde es auf die Melodie von "O dass ich tausend Zungen hätte".

II. "Jetzt fangen an die Schreckensstunden" handelt vom Abschied der Rekruten von den Familienangehörigen und der schwermütigen Stimmung, die die Einberufung mit sich bringt: angesichts der Perspektive, nicht zu wissen, ob man lebend zurückkehren wird. Ein weiteres Motiv des Liedes ist die Willkür des Losverfahrens, mit dem die Männer zum Wehrdienst ausgewählt werden: der "Bruder" wurde "verschont". Ihm wird während der Abwesenheit die Verantwortung für die Kinder übertragen.

III. Regional war "Jetzt fangen an die Schreckensstunden" auf die Wolgaregion begrenzt. Dort war es bis in die Zeit des Ersten Weltkrieges eines der bekanntesten Soldatenlieder. Aus jenen Jahren ist zudem eine von vier auf sechs Verse pro Strophe erweiterte Liedfassung überliefert, die den Text um religiöse Aspekte ergänzt: Gott wird um Vergebung gebeten und das Schicksal wird in seine Hände gelegt (Edition B). Verschiedene Weiterdichtungen (Edition C) sowie inhaltliche Mischformen zwischen der vierstrophigen Version und der sechsstrophigen Variante, die den geistlichen Aspekt stärker herausstellt, veranschaulichen den Stellenwert und die lebendige Rezeption dieses Liedes unter den Wolgadeutschen. Dem Liedtext wurde neben dem Choral "O dass ich tausend Zungen hätte" auch die Melodie des geistlichen Trostliedes "Wer nur den lieben Gott läßt walten" zugrunde gelegt (Edition D). Diese wurden von den Sängern individuell variiert. Bislang sind drei unterschiedliche Melodieaufzeichnungen für "Jetzt fangen an die Schreckensstunden" belegt. Wahrscheinlich gab es aber noch weitere individuelle Melodiegestaltungen. Mit wolgadeutschen Auswanderern gelangte dieses Lied schließlich auch in die Vereinigten Staaten, wo es etwa 1929 in einem russlanddeutschen Liederbuch abgedruckt wurde (s. Edition B).

INGRID BERTLEFF
(Dezember 2010)



Quellenübersicht
  • Ungedruckte Quellen: wenige Belege aus mündlicher Überlieferung
  • Gedruckte Quellen: wenige gedruckte Quellen
  • Bild-Quellen: —
  • Tondokumente: —
Berücksichtigt werden hier primär Quellen, die im Deutschen Volksliedarchiv (DVA) erschlossen sind. Hinsichtlich der Tonträger wurden auch die Bestände des Phonogrammarchivs St. Petersburg (IRLI) und des Deutschen Musikarchivs (Leipzig) miteinbezogen.



Zitiervorschlag
Ingrid Bertleff: Jetzt fangen an die Schreckensstunden (2010). In: Populäre und traditionelle Lieder. Historisch-kritisches Liederlexikon. URL: <http://www.liederlexikon.de/lieder/jetzt_fangen_an_die_schreckenstunden/>.


© Deutsches Volksliedarchiv
last modified 12.09.2012 12:10
 

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