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Ich bin ein Schreiber gutgelehrt


Das russlanddeutsche Spottgedicht "Ich bin ein Schreiber gutgelehrt" handelt von einem Trinker und mahnt mit den Mitteln der Satire vor dem Alkoholmissbrauch. Aufgezeichnet in den 1920er Jahren in der Ukraine, ist über die Entstehung des Textes bislang ebenso wenig greifbar wie über seine regionale Verbreitung und zeitliche Tradierung. Unklar ist auch, ob dieser Text als Lied gesungen wurde oder lediglich als Gedicht verbreitet war.

I. Der erste und bislang einzige Beleg von "Ich bin ein Schreiber gutgelehrt" stammt aus dem Jahr 1927. Der Germanist Alfred Ström hat den Text während einer Forschungsreise für das Deutsche Volksliedarchiv Leningrad in der russland-deutschen Siedlung Grunau (Kreis Mariupol) in die Ukraine festgehalten (Edition A). Entstanden ist das 20-strophige Gedicht mit dem Titel "Der seltsame Wolostschreiber" vermutlich vor der 1923 einsetzenden Verwaltungsreform der Sowjetregierung: in deren Zuge wurde die Verwaltungseinheit des Wolosts durch die des Rajons ersetzt. In der Leningrader Sammlung ist dieser Text in die Rubrik der kolonistischen Lieder eingeordnet. Ob er tatsächlich gesungen wurde oder lediglich in schriftlicher Form verbreitet war, ist bislang nicht bekannt. In der 20. Strophe ist jedenfalls explizit der "Leser" dieser Verse angesprochen. Formal greift der anonyme Autor vermutlich auf eines der unzähligen Lieder zurück, die ebenso mit "Ich bin ein..." beginnen. Eine konkrete Liedvorlage ließ sich bislang jedoch nicht finden.

II. "Ich bin ein Schreiber gutgelehrt" ist eine etwas schwerfällig geratene Satire auf einen Alkoholiker: den vermutlich fiktiven "seltsamen Wolostschreiber" (Kreisschreiber). Um an die begehrte Flüssigkeit heranzukommen opfert dieser seine Habseligkeiten ebenso wie seine Würde. Dieses Thema wird über alle Strophen hinweg mit einigen Redundanzen variiert: im Mittelpunkt stehen die "Erfolge" des Protagonisten – als bester Säufer am Platze und als vermeintlicher Frauenheld. Von der Intention her ist der Text eine in Verse gefasste Mahnung vor dem Alkoholmissbrauch. Es liest sich wie ein moralisches Gedicht für ein dörfliches Theaterstück oder eine lokale Publikation. So gesehen erscheint es schlüssig, dass ein Kreisschreiber karikiert wird: eine Respektsperson mit gesellschaftlichem und politischem Einfluss und hohem sozialen Status. Die Fallhöhe ist beim Wolostschreiber, der in der Gosse landet, größer als beim Landwirt von nebenan. Möglich ist jedoch auch, dass "Ich bin ein Schreiber gutgelehrt" ein Spottgedicht auf eine reale Person war. Zur Rezeption dieser Strophen ist bislang nichts weiter bekannt. Vermutlich war "Ich bin ein Schreiber gutgelehrt" lediglich im Umfeld des anonymen Autors verbreitet und fand keine breitere Aufnahme.

INGRID BERTLEFF
(Mai 2010)



Quellenübersicht
  • Ungedruckte Quellen: Einzelbeleg aus mündlicher Überlieferung
  • Gedruckte Quellen: —
  • Bild-Quellen: —
  • Tondokumente: —
Berücksichtigt werden hier primär Quellen, die im Deutschen Volksliedarchiv (DVA) erschlossen sind. Hinsichtlich der Tonträger wurden auch die Bestände des Phonogrammarchivs St. Petersburg (IRLI) und des Deutschen Musikarchivs (Leipzig) miteinbezogen.



Zitiervorschlag
Ingrid Bertleff: Ich bin ein Schreiber gutgelehrt (2010). In: Populäre und traditionelle Lieder. Historisch-kritisches Liederlexikon. URL: <http://www.liederlexikon.de/lieder/ich_bin_ein_schreiber_gutgelehrt/>.


© Deutsches Volksliedarchiv
last modified 16.09.2013 01:06
 

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