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Die Leineweber haben eine saubere Zunft


Das schon vor seiner erstmaligen Veröffentlichung 1833 als "Volkslied" geläufige "Die Leineweber haben eine saubere Zunft" ist ein zynischer Spottgesang auf den Berufsstand der Weber. Mit dem Verschwinden dieses traditionellen Handwerks erhielt das Lied den Charakter einer nurmehr launig-unterhaltsamen "Schnurre", die ihre Popularität auch aus den spielerischen Aktionen bezog, mit welchen der Gesang begleitet wurde.

I. Mit dem wohl schon im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts mündlich weit verbreiteten Lied "Die Leineweber haben eine saubere Zunft" amüsierte man sich auf Kosten einer Berufsgruppe, deren ökonomische und soziale Lage seinerzeit prekär war: Weberaufstände (z.T. Hungerrevolten) begleiteten den Prozess der Frühindustrialisierung vom späten 18. bis um die Mitte des 19. Jahrhunderts. Vor diesem Hintergrund kann das Lied als ein Dokument mangelnder gesellschaftlicher Empathie gesehen werden. Aus ihm spricht das Bedürfnis spöttischer Ab- und Ausgrenzung. Der Volksliedsammler Ludwig Erk zeichnete "Die Leineweber haben eine saubere Zunft" mehrfach und in varianten Fassungen aus der Singpraxis auf. Die Version, die er 1838 von einem Berliner Maurer hörte (Edition A), ist ein drastisches Beispiel für die angesprochene Haltung gegenüber der besungenen Berufsgruppe: Die Weber stellen Würste her, indem sie in Strümpfe scheißen (Str. 5), prosten einander mit dem "Pisspott" zu (Str. 7), schlachten gestohlene Schweine (Alternativstrophe), bauen Häuser aus "Buttermilch und Sauerkraut" (Str. 3) und machen sich gegenseitig vor die Tür (Str. 6). Ihre Zusammenkünfte halten sie "unterm Galgen" (Str. 1) – "Galgen" war eine für den Webstuhl gebräuchliche Bezeichnung –, und folglich ist auch der "Schinderknecht" ihr "Altgeselle" (Str. 2). Ihre Frauen bekommen "alle Jahr" zwei Kinder, die wie junge Hunde anfänglich noch blind sind (Str. 8). Im Refrain (den Erk in diesem Fall nur verstümmelt notierte), wird den Webern unterstellt, vom hergestellten Leinen heimlich etwas abzuzweigen ("mir ein Viertel, dir ein Viertel") und stets Entlohnung zu erwarten, gleichgültig, was geliefert wird ("fein oder grob, Geld gibt's doch").

II. Nach bisherigem Kenntnisstand erschien "Die Leineweber haben eine saubere Zunft" erstmals 1833 im "Liederbuch für deutsche Künstler" im Druck (Edition B). Hier wurde es als "Volkslied" präsentiert, allerdings in einer stark gesäuberten Form. Die Ausblendung einschlägiger Strophen, die den Herausgebern des Liederbuchs kaum unbekannt gewesen sein dürften, ist augenfällig. Dagegen wurden unverfänglichere Strophen aufgegriffen, die neben jenen kursierten, welche Ludwig Erk 1838 in Berlin hörte (Edition A). Schon Hoffmann von Fallersleben mokierte sich 1842 über die "gewiß für die feinere Gesellschaft zugestutzte" Textfassung im "Liederbuch für deutsche Künstler". Ob das Lied mit der dort mitgeteilten "Volkslied"-Melodie (auf die es noch heute gesungen wird) bereits vor 1833 verbunden war, ist unklar. In der ersten Phase der dokumentierten Liedgeschichte sind jedenfalls auch andere Melodien belegt: So veröffentlichte Hoffmann von Fallersleben das "Leineweber"-Lied in seiner Sammlung "Schlesische Volkslieder" (1842) in zwei "Lesarten" mit unterschiedlichen Weisen.

III. Die anhaltende Beliebtheit des Liedes dürfte zu einem erheblichen Teil auf die zwischen die Verszeilen eingeschalteten wortmalerischen (Unsinns-)Phrasen wie "Harum didscharum di schrum, schrum, schrum" (Edition E) oder "allewalle, allewalle puff, puff, puff" (Schlesische Volkslieder 1842) sowie auf die Möglichkeiten spielerischer Aktionen während des Singens zurückzuführen sein. Schon das "Liederbuch für deutsche Künstler" enthält die Anweisung, die drei nach dem "Harum didscharum" notierten Viertel seien jeweils "Mit den Füßen zu stampfen" (Edition B). Aus der mündlichen Singpraxis sind unterschiedliche Formen einer imitatorischen Darstellung des Weberhandwerks belegt, die auch noch nach dessen Niedergang gepflegt wurden (Edition F). All das erklärt mit, weshalb sich "Die Leineweber haben eine saubere Zunft" im "Zupfgeigenhansl", dem einflussreichen Liederbuch der Jugendbewegung, unter der Rubrik "Schnurren" findet (Edition E).

IV. Die breite Bekanntheit von "Die Leineweber haben eine saubere Zunft" machte man sich in Parodien zu Nutze. Im Vormärz schrieb August Heinrich Hoffmann von Fallersleben (1798–1874) das Lied in eine ironische Adelskritik um (Edition C). Aus der Zeit um 1900 stammt das von Carl Lorens (1851–1909) für das Volkssängerduo "Edi und Biedermann" verfasste Wienerlied "Die Leineweber haben eine saubere Zunft" (Edition D), in dessen erster Strophe es heißt: "Dieses Lied hab'n wir parodirt, / Weil die Melodie jeder kennt, / Bum bum bum! / Hätten nur a Bitt': klopfen's fleißig mit! / Mit die Füß' und mit die Händ'. / Bum bum bum!" Auch das ursprüngliche Lied wurde damals auf Volksbühnen gesungen (Abb. 1). Neuere Parodien stammen von Erich Fried ("Die Große Kumpanei ist eine saubere Zunft", eine Kritik an der 1966–69 regierenden CDU/SPD-Koalition) sowie aus der Anti-Atomkraft-Bewegung (Edition G).

TOBIAS WIDMAIER
(November 2007)



Editionen und Referenzwerke
Weiterführende Literatur
  • Emil Karl Blümml: Kunstdichtung und Volkslied. In: Hessische Blätter für Volkskunde 5 (1906), S. 124–133 (vgl. hier Abschnitt "Volkslieder in G. Hauptmann Webern (1892)", S. 133f.).


Quellenübersicht
  • Ungedruckte Quellen: zahlreiche Aufzeichnungen aus mündlicher Überlieferung
  • Gedruckte Quellen: vereinzelt auf Flugschriften, überaus häufig in Gebrauchsliederbüchern, vereinzelte sonstige Rezeptionsbelege
  • Bild-Quellen: gelegentlich auf Liedpostkarten
  • Tondokumente: etliche Tonträger
Berücksichtigt werden hier primär Quellen, die im Deutschen Volksliedarchiv (DVA) erschlossen sind. Hinsichtlich der Tonträger wurden auch die Bestände des Deutschen Musikarchivs (Leipzig) miteinbezogen.



Zitiervorschlag
Tobias Widmaier: Die Leineweber haben eine saubere Zunft (2007). In: Populäre und traditionelle Lieder. Historisch-kritisches Liederlexikon. URL: <http://www.liederlexikon.de/lieder/die_leineweber_haben_eine_saubere_zunft/>.


© Deutsches Volksliedarchiv
last modified 16.10.2012 09:43
 

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